Linkschau #22

Es kommt ein bisschen spät, und es gibt diesen Monat auch nicht viel zu empfehlen. Und hier ist es also:

Kersten Augustin schreibt in der taz über Arbeit. Oder weniger Arbeit.

Auf der VidCon spricht Francesca Ramsay darüber, dass unser Handeln nicht immer ein Publikum braucht. [Video]

Sinthujan Varatharajah schreibt bei der Böll-Stiftung über die Gründung von Unternehmen, um Geflüchteten zu helfen, und dem Problem ihres Weiß-Seins.

Und dann zwei Comics von Zen Pencils: In Anonymous Creativity geht es darum, dass unsere Kreativität größer sein kann, wenn wir sie nicht für ein Publikum und für unseren eigenen Ruhm machen. In The Eternal Struggle geht es darum, dass das Ausleben von Kreativität immer ein Kampf ist, dem wir uns immer wieder stellen müssen. [beide Englisch]

Im Migazin schreiben Isabella Greif und Fiona Schmidt über den NSU-Prozess und wie der Stand, im Versuch sich selbst zu schützen, die Aufklärung weiterhin verhindert.

Glokal hat mit anderen Unterzeichner*innen einen Aufruf veröffentlicht, um das Schweigen über den Umgang mit Geflüchteten auf dem Mittelmeer zu brechen. Relevant und deswegen unbedingt lesenswert.

Juli Recap

In der Pampa gab es einen Fernseher auf dem Zimmer, und darauf habe ich zwei Mal Filme geschaut. Beide waren schon angefangen, als ich eingeschaltet habe, und beide waren auf ihre Art schlecht. Der erste war Das gibt Ärger, in dem es um zwei Agenten geht, die sich in dieselbe Frau verlieben und dann um sie buhlen. Typisch hetereonormativ, voll übergriffige Männer, blablabla. Der zweite war Transporter – The Mission. Der war nicht ganz so schlecht, war halt ein Action-Thriller. Ich halte die Auflösung für ziemlich unrealistisch, aber das soll vielleicht einfach so. In den letzten paar Tagen habe ich dann noch Kiki’s Delivery Service geschaut, ein Anime. Den fand ich als Selbstfindungs-Story einer 13-Jährigen ziemlich gut, allerdings gibt es immer noch eine Liebesgeschichte, ohne die scheint es nicht zu gehen, und dann auch noch eine stalkerige. Außerdem ist C. und mir aufgefallen, dass alles seltsam europäisch wirkt. Ich frage mich, ob das Absicht oder nicht reflektiert ist. Den Film mochte ich auf jeden Fall sehr. Und als letztes haben wir noch I, Daniel Blake gesehen. Das war ein sehr bewegender Film, über die Tücken des Sozialsystems und ich finde es bezeichnend, dass im Abspann Mitarbeiter*innen der Sozialämter gedankt wird, die allerdings anonym bleiben wollen. Das sagt eigentlich alles über den Inhalt und die Geschehnisse des Films, und wie wenig darüber gesprochen wird, wie die Sozialsysteme die Leben von Menschen ruinieren (können). Ich glaube, dass B. und ich vor der Pampa noch den zweiten Teil von der neuen Gilmore Girls-Staffel geguckt haben, das kann aber auch Ende Juni gewesen sein. Who knows. Jetzt hängen wir so in der Luft und ich bin immer noch traurig, dass Sookie nicht dabei ist.

Drei Wochen des Monats war ich in der Pampa. Auch bekannt als Nordsee. Es war wunderschön, ziemlich gutes Wetter, viel Sonne, viel Wind, immer wieder Regen. Dort habe ich viel Sport gemacht, gelesen, mehr Sport, war spazieren, mehr Sport, habe Leute kennen gelernt, und grundsätzlich mehr Sport. Ich bin ziemlich entspannt zurückgekommen. Zwei Tage später habe ich einen kleinen Dämpfer bekommen, allerdings fühle ich mich immer noch entspannt. Ich frage mich durchaus, wie lange das anhalten wird, und habe beschlossen, es einfach zu genießen und zu nehmen was kommt.

Gelesen habe ich auch. In der Pampa habe ich gleich mal Rebecca von Daphne du Maurier aus einem Regal geliehen und dann als erstes durchgehabt. (Es folgen Spoiler.) Ich mochte das Buch und den Plottwist am Ende sehr. Allerdings tat mir die namentlich nicht bekannte Ich-Erzählerin meistens Leid, und ich habe ihr gewünscht, dass sie ihr Schicksal aktiver in die Hand nimmt. Und der Umgang mit Rebecca ist bezeichnend. Mir ist klar, dass Rebecca als die Böse gelesen wird, die ihrem Mann Schande bringt und seine ehre und vor allem sein Ego untergräbt. Gegen den Strich ist Rebecca vor allem eine junge Frau, die sich als Frau nicht einengen und an einen Mann binden wollte. Standesgemäß „musste“ sie, und hat das für sich Beste daraus gemacht. Dass dem vor allem das Ego und die Ehre ihres Mannes im Wege standen, ist wiederum nicht überraschend. Danach habe ichb Sara Ahmed’s The Promise of Happiness gelesen. Das war ein eher philosophisches Buch, in dem Ahmed sich unser permanentes Streben nach Glück anschaut, und was dieses Glück eigentlich ist und wie es uns einschränkt. Ich empfehle es sehr, weil es mir nochmal die Augen geöffnet hat, wie der Druck nach dem Glücklich-Sein und der Anspruch, dass wir uns nur selber glücklich machen müssen, uns einschränkt. Ahmed behandelt das Glück als das, was es auch für Hans im Glück ist: nicht etwas, wofür eins arbeitet, sondern etwas, was einem*r passiert. (Auf Englisch kommt happiness nämlich auch von hap, was so viel bedeutet wie luck.) Faszinierende Analyse. Von einer anderen Person in der Pampa habe ich dann Maja Lundes Die Geschichte der Bienen ausgeliehen und beim Lesen dazwischen geschoben. Das Buch ließ sich gut lesen, ich hatte es in drei oder vier Tages durch und wie der Titel schon sagt, geht es um die Geschichte der Bienen und damit irgendwie auch um die Geschichte der Menschheit. Ich fand die Auflösung hier auch unrealistisch, also zu früh zeitlich angesetzt. Es kann auch sein, dass ich mich mit Biologie usw. einfach nicht gut genug auskenne, um das beurteilen zu können. Im Anschluss habe ich dann Deniz Yücels Taksim ist überall gelesen. In dem Buch geht um die Gezi-Proteste in der Türkei, und wie diese Bewegung Menschen in der ganzen Türkei und darüber hinaus beinflusst hat. Ich finde, es fängt sehr gut den Geist von Gezi ein und auch die politische Stimmung unter türkischen Oppositionellen und das politische Klima in der Türkei im Moment wie ich es auch über D. mitbekommen habe. Ich habe dann auch bewusst die neueste Ausgabe des Buches gekauft, wo ein Euro extra pro Buch an den Autor geht, der momentan in der Türkei im Gefängnis sitzt. Dann habe ich Carolin Emckes Wie wir begehren gelesen. Emcke beschreibt in einer Mischung aus philosophischer Abhandlung und eigenen Erinnerungen ihren eigenen Weg zum Begehren von Frauen. Sie schreibt darin sehr viele kluge Sachen, von denen einige bei mir hängen geblieben sind, und die auch zu den Büchern von Laurie Penny oder bell hooks passen, zumindest in meiner Welt. Als Abschluss der Pampa habe ich dann noch Der Mythos des Sisyphos von Albert Camus gelesen. Zum Abschluss noch so’n bisschen Philosophie. Ich gestehe ganz ehrlich, dass ich nicht alle Gedankengänge von Camus verstanden habe. Vor allem die Teile, wo er sich auf andere Philosophen, die ich nicht gelesen habe, bezieht, waren schwer verständlich. Geblieben ist das Bewusstsein über die Sinnlosigkeit der Welt, das Streben nach Sinn des Menschen und die Absurdität des Ganzen. Und auch: die Ablehnung des Selbstmordes und die Aufforderung zum wirklichen Leben jedes einzelnen Moments, komme was wolle, und die Auflehnung gegen die Absurdität.

Und außerdem habe ich festgestellt, dass das Album Blitze aus Gold von Chefboss sich hervorragend zum Joggen eignet. Da ich meine Jog-Zeit (das schreibt sich bestimmt anders) nun auch nach den Liedern abmesse, kann ich das Album wohl so schnell nicht wechseln…

 

Linkschau #21

Im Grunde habe ich diesmal nur die Hälfte der Zeit Artikel gelesen, die ich teilen kann, weil ich die andere Hälfte der Zeit ja gar nicht da bin (mysterious), und es sind dennoch ein paar Artikel geworden.

DasNuf teilt ihre Gedanken zu gleichberechtigt geteilter Elternschaft und geht dabei vor allem auch auf ökonomische Aspekte ein.

Im Migazin gibt es einen Artikel zur Visumspflicht und Deutschlands Weigerung, diese zu lockern mit der gleichzeitigen Forderung an andere Staaten, ihre Visumspflicht für Deutsche zu lockern. Da kann ich nur den Kopf schütteln und die Augen rollen.

Heinz-Jürgen Voß schreibt zum Diskussionsstand um Beissreflexe. Ich hab das Buch selber nicht gelesen, sondern nur darüber gelesen, finde den Artikel aber ganz interessant.

Mithu Sanyal hat in der taz schon vor zwei Monaten über Thordis Elva und Tom Stranger sowie ihr gemeinsames Buch geschrieben. Und über den ganzen Hass, den Thordis Elva dafür abbekommt, dass sie ein Buch mit dem Mann geschrieben hat, der sie vor 16 Jahren vergewaltigt hat.

Und hier dann auch der TED Talk von Thordis Elva und Tom Stranger, den ich sehr beeindruckend finde. Wie ich überhaupt ihren gemeinsamen Weg sehr beeindruckend finde.

Dann ein Text von vor vier Jahren von mehreren Autor*innen zum Thema Klasse und der Relevanz des Themas. Passend zu meiner eigenen Beschäftigung mit dem Thema.

Hannah reflektiert über Therapie und die Kommunikation innerhalb von Therapien.

Im Lower Class Magazine gibt es einen Kommentar zu den Kabelbränden der extremen Linken und wie wenig hilfreich und revolutionär das war.

Kersten Augustin schreibt in der taz zur Ehe für alle, und warum das nur bedingt ein Grund zur Freude ist.

Und zu guter Letzt ein Debattenbeitrag zum aktuellen Stand der Antirassismus-Arbeit von Amanda Trelles Aquino, Can Yıldız und Ward Jazani im Lower Class Magazine. Sie kritisieren die oberfläche Antirassismusarbeit, die momentan gesellschaftlich akzeptiert ist und fordern eine stärkere Verbindung von Antirassismus und Antikapitalismus, um die Strukturen tatsächlich zu ändern.

Was ist eine Klassenherkunft?

Ich lebe eigentlich seit Jahren unter dem Armutsniveau. Wenn eins Student*in ist, gilt das fast schon irgendwie als normal, obwohl ich auch genug Menschen kenne, bei denen das nicht der Fall ist. Bei mir war das immer der Fall. Und ist es auch heute noch. Ich bin, was auch Geringverdienerin genannt wird. Relative Armut. Ich will darüber gar nicht jammern, oder Mitleid, oder sonst was. Ich möchte nur darüber reden. Weil es wichtig ist, und weil es so oft verschwiegen wird. Ich habe letztens mit einer Freundin darüber geredet, und festgestellt, dass ich Kleider vom Flohmarkt getragen habe, bevor es cool war. Weil meine Eltern es sich nicht leisten konnten, uns ständig neue Sachen zu kaufen. Und meine Sachen wurden auch in der Familie weitergereicht, für meine Geschwister und meine Cousin*en*s. Für mich war das normal, und ich hab das auch lange gar nicht hinterfragt. In letzter Zeit habe ich viele Texte über Klassismus gelesen, in denen es darum ging, dass es für Menschen aus der Mittelschicht/dem Bürgertum sowas wie eine selbstgewählte Armut gibt (also second hand ist cool), was teilweise mit einer Distanz von der eigenen Herkunft einhergeht, und dass Menschen aus der Arbeiter*innenklasse oft dafür gehatet werden, weil sie sich an Kleidernormen o.ä. anpassen. Armut muss eins sich eben auch leisten können.

Ich frage mich immer wieder, inwieweit mich Klassismus betrifft. Ich bin eine Person, die als „Aufsteigerin“ gilt, vor allem Bildungsaufsteigerin, und das hat ja grundsätzlich erstmal positive Konnotationen. Ich bin mir aber nicht so sicher, ob das alles so positiv ist. Bzw. wird über die negativen Seiten wenig geredet. Das ist allerdings nicht der Punkt, den ich gerade machen will. Es geht mir im Moment erstmal darum, mich mehr mit meiner eigenen Herkunft auseinanderzusetzen, und was das in dem Milieu bedeutet, in dem ich mich bewege. Das hat viel damit zu tun, wer ich eigentlich bin, und auch damit, inwieweit ich mich an das akademische Milieu anpassen möchte und auch kann. Und ob ich überhaupt dort bleiben möchte. Und warum wird es erwartet, dass ich mich anpasse, mit meiner Sprache und meiner Kleidung? Warum werde ich nicht ernst genommen, wenn ich mich so bewege, kleide, spreche, wie ich es immer getan habe? Ist das schon Klassismus? Gemischt mit Sexismus? Und dabei ist es doch schon so, dass es zwei Teile von mir gibt. Ich spreche mit meiner Familie anders als mit meinen Freund*innen und Kolleg*innen. In gewisser Weise habe ich mich schon angepasst. Oder anders entwickelt. Und das ist für mich mit widersprüchlichen Gefühlen verbunden. Es macht mich traurig zu wissen, dass meine Mutter mich manchmal nicht versteht und ich es nicht schaffe, so mit ihr zu reden, dass sie mich versteht. Und ich bin dankbar dafür, was Akademia mir eröffnet hat und wie es mir erlaubt hat, anders zu denken.

Im Moment kann ich nur viele Fragen stellen und keine Antworten geben. Weil ich sie (noch) nicht kenne. Sicher ist nur, dass ich immer wieder das Gefühl habe, dass ich dort, wo ich bin, nicht richtig hingehöre, und dort, wo ich herkomme, auch nicht (mehr). Ich plane, mich in den nächsten Wochen und Monaten mehr damit zu beschäftigen, und werde dann vermutlich auch mehr darüber schreiben.

Linkschau #18

Es geht weiter mit dem üblichen Programm. Diesen Monat nicht so viel, denn wie bereits erwähnt, hatte ich im März kaum Kapazitäten für irgendwas und war auch die letzten Wochen eher beschäftigt.

Bei der taz schrieb Hengameh Yaghoobifarah über (Online-)Feminismus und das Verzeihen.

Und auch in der taz gab es ein Interview mit Norbert Fischer über die Feuerbestattung und das Christentum.

Im LowerClassMagazine gibt es einen Artikel darüber, wie wir revolutionär leben können.

Mareice Kaiser gibt im Missy Magazin einen Buchtipp, in dem um Frauen in der Geschichte geht.

Bei autostraddle schreibt Heather Hogan über Beauty and the Beast und die Entwicklung von schwulen Charakteren bei Disney. [Englisch]

Juliane Löffler schreibt bei kleinerdrei über die Frage, wie öffentlich ihre Liebe als nicht-heterosexuelle Frau sein muss.

In ihrem Blog gibt Noah Sow ein Update zum Allgemeinen Gleichstellungsgesetz.

Naekubi schreibt in ihrem Blog über Whitewashing von asiatischen Charakteren und die besonders fragwürdige Legitimation dieser Praxis.

Und nochmal bei autostraddle finden ihr Yao Xiao’s Comic zum Thema Psychotherapie.