Linkschau #24

So, da wären wir wieder. Gedanken anderer Menschen. Immer wieder hilfreich, inspirierend, ein Einblick in eine andere Welt.

Hannah schreibt über ihre Erfahrungen mit dem System Schule und den strukturellen Problemen. Ich kann es auch nicht besser sagen als sie, es geht ihr um Solidarität und Mut, und ich glaube, dass das nicht nur im Schulsystem fehlt.

In ihrem TEDTalk erzählt Claire Wineland von ihrem Umgang mit der Krankheit zystische Fibrose (Mukoviszidose) und plädiert dafür, dass ein Leben, welches von Krankheit und Schmerzen geprägt ist, ein genauso wertvolles und lebenswertes Leben ist wie jedes andere Leben (surprise!), allein aufgrund der Lebenserfahrungen der jeweiligen Menschen. Auch sie sagt es viel besser als ich. [Englisch]

Helen Schulte berichtet bei broadly von ihrem Jahr, in dem sie sich nicht rasiert hat. Ein paar interessante Einblicke, was innerlich und äußerlich passieren kann.

Bei Diaspora Reflektionen schrieb Emine eigentlich einen Wahlaufruf. Ich finde, der Text liest sich auch nach der Wahl noch ganz gut, weil sie sich darin auch mit den Widerstandsbewegungen gegen die AfD in der Vergangenheit befasst.

Beim Guardian schreibt Franklin Foer über Facebook’s Algorithmen und wie Facebook uns damit das Denken abnimmt und wirft die wichtige Frage auf, ob wir das wirklich wollen. [Englisch]

Jimmy Meyer schreibt beim Lower Class Magazine über eine englische Arbeiter*innenstadt und zeichnet die Folgen von Klassismus und dem Wegfall der Großindustrie nach. Die Entwicklungen sind in Frankreich, Großbritannien und Deutschland nicht die gleichen, die Mechanismen sind ähnlich.

In der Zeit schreibt Mely Kiyak, warum das „nie wieder“ sich mit dem Einzug der AfD in den Bundestag nun erledigt hat.

Barbara Fried schreibt in der Zeitschrift Luxemburg über eine feministische Klassenpolitik und warum die Einteilung in Gender eigentlich auch als Klasseneinteilung gesehen werden kann.

Beim Lower Class Magazine schreibt Mani Cudi über das Referendum in Kurdistan und warum die Frage nach der Beurteilung des Referendums für sie*ihn nicht so einfach zu beantworten ist.

Josephine Apraku schreibt beim Missy Magazine, was weiße Menschen nach der Bundestagswahl tun können, um Schwarze Menschen und Menschen of Color zu unterstützen und sich über Rassismus zu informieren.

Im Migazin gibt es einen Artikel dazu, dass der Amoklauf von München 2017 rassistisch motiviert war.

In der taz gibt es einen Bericht zu einer Aussteigerin aus der rechten Szene, den ich vor allem deswegen lesenswert finde, weil er nochmal deutlich macht, wie gut die Szene organisiert ist und auch welche Ziele sie verfolgen. Und wie gefährlich die ganze Scheiße für unsere Demokratie ist.

Claire Ainsworth schreibt in der nature über Erkenntnisse aus der Biologie, nach denen es mehr als zwei biologische Geschlechter gibt und die Einteilung in männlich und weiblich zu kurz greift. Der Artikel ist von 2015 und ich wusste das auch schon länger, ich finde den Artikel trotzdem ganz gut und informativ. [Englisch]

Und das Landestheater Niederösterreich hat die Soziologin Laura Wiesböck zur Liebe interviewt. Was sie sagt, ist (mir) nicht neu. Ich mag besonders, dass sie bells hooks zitiert, weil ich mich auch so gerne auf sie beziehe in dieser Angelegenheit.

In der Süddeutschen findet sich ein interessanter Artikel von Christoph Butterwegge zum Bedingungslosen Grundeinkommen, der zum Nachdenken anregt.

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Love is all around

Wenn mich diese Zeit eines gelehrt hat, dann dass ich von Menschen umgeben bin, die mich lieben und die ich liebe. Diese Menschen gibt es ganz in meiner Nähe, nur wenige Türen entfernt, und weiter weg, und nur wenige Internetsekunden entfernt.

Ich habe das schon öfter gesagt, und ich sage es gerne noch hundertmal. Unsere Gesellschaft erhöht die romantische Liebe unnötig. Versteht mich nicht falsch: Ich habe kein Problem mit der romantischen Liebe. Ich bin selber gerne verliebt, ich liebe mich gerne in eine andere Person hinein (um mal Carolin Emckes Worte zu benutzen). Mich stört, dass die romantische Liebe auf ein Podest gestellt wird, nach dem wir uns strecken sollen, als ob es sonst nichts Gutes im Leben gibt. Als ob nur diese eine Liebe Erfüllung bringt und wenn wir sie nicht finden, dann haben wir kein lebenswertes, erfülltes Leben.

Ehrlich? Das ist bullshit.

Ich selber glaube ja daran, dass das Leben wenig Sinn macht ohne Lieben und ohne Verbindungen zu anderen Menschen. Nur erstreckt sich das für mich nicht auf eine*n romantische*n Partner*in. Das würde die Liebe doch so sehr einschränken! Was ist mit Freund*innen? Mit Zufallsbegegnungen, denen wir in/nach kurzen Augenblicken viel Liebe entgegenbringen können? Was ist mit Familie? Mit politischen Partner*innen? Warum stutzen wir die Liebe so, dass sie nur noch in eine Form passt? Warum lassen wir uns so vereinzeln? Warum akzeptieren wir das, ohne zu murren?

Nun ja, zugegebenermaßen murre ich. Das nicht erst seit gestern. Das nicht nur, wenn ich Single bin, sondern auch wenn ich in einer Liebesbeziehung bin. Ich finde das einschränkend. Ich finde schon die Erwartung einengend, dass ich ALLES mit meiner*m Partner*in machen sollte. Jede einzelne Verpflichtung oder Spaßveranstaltung. Warum?

Ja, es macht Spaß, Zeit mit der Person zu verbringen, mit der man in einer romantischen Beziehung ist. Dagegen spricht ja nichts. Das sehe ich ähnlich. Ich persönlich bin auch dafür diese Person in mein soziales Netz zu integrieren. Ich finde das schön. Und gleichzeitig will ich nicht jede Sekunde mit dieser Person verbringen (müssen).

Jetzt ist das hier so ein Rant geworden, dabei sollte es eigentlich ein Plädoyer werden. Vielleicht kriege ich ja noch die Kurve. Hier also das Plädoyer für die anderen Formen von Liebe: für Urlaub mit der Schwester, für Konzertbesuche mit der Freundin, für Saunabesuche mit der Mutter, für Feiern mit der Zufallsbekanntschaft. Und für mehr Wertschätzung für diese Liebe. Zu oft behandeln wir Menschen, mit denen wir keine romantische Beziehung führen, wie nebensächlich oder entbehrlich. Dabei ist dem nicht so. Zumindest nicht in meinem Leben. Diese Menschen sind meine Unterstützung, mein Support. Ich wünsche ihnen ein erfülltes Leben, was auch immer das für sie sein mag, und sie wünschen mir ein erfülltes Leben, wenngleich das nicht mit ihren Vorstellungen übereinstimmen mag. Sie fordern mich heraus, und helfen mir beim Wachsen.

Darum geht’s doch, oder?

Loslassen

Hier sind meine ersten Gedanken zum Thema. Denn es ist vermessen zu denken, ich könnte dazu etwas Substantielles sagen. Ich habe es noch gar nicht hinter mir, das Loslassen. Ich bin mitten drin. Ich glaube, es gibt keinen Königsweg oder keine Anleitung zum Loslassen. Jede*r finden seinen*ihren eigenen Weg, oder auch nicht. Einige ignorieren es vielleicht oder klammern sich für immer fest. Vielleicht kann ich in ein paar Monaten substantiellere Dinge sazu sagen. Vielleicht passiert es auch „einfach“, und ich kann nichts dazu sagen, außer dass es passiert ist.

Die Frage, die ich mir seit Wochen stelle, ist die Frage nach dem Wie. Wie lasse ich los? Wie lasse ich los, ohne dass ich den Eindruck habe, ich würde aufgeben? Und gestern hat es eine Person noch für mich präzisiert: Wie lasse ich etwas los, mit dem ich emotional noch so verbunden bin? Die Antwort auf diese Frage liegt irgendwo in der Zukunft.

Die Schwierigkeit des Ganzen liegt darin, dass es einen Teil von mir gibt, der loslassen möchte, und einen Teil, der es nicht möchte. Teil A, der vielleicht rationalere Teil (? Braucht es diesen Widerspruch?), weiß, dass Loslassen die einzige Möglichkeit ist, um weiterzumachen. Hinwegzukommen. Was Anderes zu beginnen. Teil A weiß auch, dass die Chance für ein Zurück bei 0,1% liegen, denn Teil A kennt meine Bedingungen für das Zurück, und mein Gegenüber, und die Umstände. Teil A möchte loslassen, weil Teil A sich frei machen und den eigenen Weg finden möchte. Weil Teil A sich inspirieren lassen und leben und erleben möchte. Teil B ist der Teil, der emotional noch an der Vergangenheit hängt. Teil B ist verletzt und fühlt sich ungerecht behandelt. Deswegen möchte Teil B Gerechtigkeit, und das bedeutet in diesem Fall Anerkennung und eine letzte Chance. Teil B mag die Idee des Lebens, was mit einer letzten Chance möglich wäre.

Und hier ist der Kern: Es geht um eine Idee, und einen Glauben. Die Idee, wie mein Leben sein soll, wie ich es mir wünsche, wie es aussehen soll, wenn ich entscheiden dürfte. Und der Glaube daran, dass mit Liebe alles möglich ist. Ich glaube, dass wenn es Liebe gibt, es immer eine Chance gibt. Dass wir mit Liebe alles schaffen können. Und ich weiß, dass dieser Glaube gehen muss, weil er nicht wahr ist. Weil die Liebe nichts kann gegen Strukturen, gegen die Vergangenheit, gegen soziale Gewohnheiten und sozialen Druck. Liebe kann nur schaffen, wenn die Umstände stimmen oder wenn die Menschen, die lieben, bereit sind zu kämpfen. Und kämpfen ist manchmal zu viel, wenn alles Andere zu viel ist. Das macht Liebe nicht bedeutungslos, aber folgenlos. Und manchmal, in dieser Welt, in der wir leben, ist Liebe folgenlos, weil alles Andere nicht stimmt. Und die Liebe alleine nicht reicht. Weil wir andere Dinge brauchen, um uns sicher zu fühlen, um anzukommen, um loszulassen. Und vielleicht ist die Frage nicht, wie ich die Liebe oder den Menschen loslassen kann. Vielleicht ist die Frage, wie ich den Glauben, der schon widerlegt wurde, loslassen kann, wenn ich so lange daran geglaubt habe und er mich immer getröstet hat. Wenn es immer Dinge gibt, an die wir glauben, und ich an Liebe nicht mehr glauben kann, woran dann? Oder gibt es andere Wege an Liebe zu glauben? Dass Liebe immer Spuren in unserem Leben hinterlässt, auch wenn sie nicht für immer hält, oder siegt, oder was Menschen noch so für Ansprüche an die Liebe stellen. Oder dass ich Menschen lieben kann, auch ohne mein Leben in einer Partnerschaft mit ihnen zu teilen. (Das tue ich schließlich mit einer Menge anderer Menschen auch.) Oder dass Liebe machtvoll sein kann, wenn wir den Mut haben, ihr zu folgen.

Juli Recap

In der Pampa gab es einen Fernseher auf dem Zimmer, und darauf habe ich zwei Mal Filme geschaut. Beide waren schon angefangen, als ich eingeschaltet habe, und beide waren auf ihre Art schlecht. Der erste war Das gibt Ärger, in dem es um zwei Agenten geht, die sich in dieselbe Frau verlieben und dann um sie buhlen. Typisch hetereonormativ, voll übergriffige Männer, blablabla. Der zweite war Transporter – The Mission. Der war nicht ganz so schlecht, war halt ein Action-Thriller. Ich halte die Auflösung für ziemlich unrealistisch, aber das soll vielleicht einfach so. In den letzten paar Tagen habe ich dann noch Kiki’s Delivery Service geschaut, ein Anime. Den fand ich als Selbstfindungs-Story einer 13-Jährigen ziemlich gut, allerdings gibt es immer noch eine Liebesgeschichte, ohne die scheint es nicht zu gehen, und dann auch noch eine stalkerige. Außerdem ist C. und mir aufgefallen, dass alles seltsam europäisch wirkt. Ich frage mich, ob das Absicht oder nicht reflektiert ist. Den Film mochte ich auf jeden Fall sehr. Und als letztes haben wir noch I, Daniel Blake gesehen. Das war ein sehr bewegender Film, über die Tücken des Sozialsystems und ich finde es bezeichnend, dass im Abspann Mitarbeiter*innen der Sozialämter gedankt wird, die allerdings anonym bleiben wollen. Das sagt eigentlich alles über den Inhalt und die Geschehnisse des Films, und wie wenig darüber gesprochen wird, wie die Sozialsysteme die Leben von Menschen ruinieren (können). Ich glaube, dass B. und ich vor der Pampa noch den zweiten Teil von der neuen Gilmore Girls-Staffel geguckt haben, das kann aber auch Ende Juni gewesen sein. Who knows. Jetzt hängen wir so in der Luft und ich bin immer noch traurig, dass Sookie nicht dabei ist.

Drei Wochen des Monats war ich in der Pampa. Auch bekannt als Nordsee. Es war wunderschön, ziemlich gutes Wetter, viel Sonne, viel Wind, immer wieder Regen. Dort habe ich viel Sport gemacht, gelesen, mehr Sport, war spazieren, mehr Sport, habe Leute kennen gelernt, und grundsätzlich mehr Sport. Ich bin ziemlich entspannt zurückgekommen. Zwei Tage später habe ich einen kleinen Dämpfer bekommen, allerdings fühle ich mich immer noch entspannt. Ich frage mich durchaus, wie lange das anhalten wird, und habe beschlossen, es einfach zu genießen und zu nehmen was kommt.

Gelesen habe ich auch. In der Pampa habe ich gleich mal Rebecca von Daphne du Maurier aus einem Regal geliehen und dann als erstes durchgehabt. (Es folgen Spoiler.) Ich mochte das Buch und den Plottwist am Ende sehr. Allerdings tat mir die namentlich nicht bekannte Ich-Erzählerin meistens Leid, und ich habe ihr gewünscht, dass sie ihr Schicksal aktiver in die Hand nimmt. Und der Umgang mit Rebecca ist bezeichnend. Mir ist klar, dass Rebecca als die Böse gelesen wird, die ihrem Mann Schande bringt und seine ehre und vor allem sein Ego untergräbt. Gegen den Strich ist Rebecca vor allem eine junge Frau, die sich als Frau nicht einengen und an einen Mann binden wollte. Standesgemäß „musste“ sie, und hat das für sich Beste daraus gemacht. Dass dem vor allem das Ego und die Ehre ihres Mannes im Wege standen, ist wiederum nicht überraschend. Danach habe ichb Sara Ahmed’s The Promise of Happiness gelesen. Das war ein eher philosophisches Buch, in dem Ahmed sich unser permanentes Streben nach Glück anschaut, und was dieses Glück eigentlich ist und wie es uns einschränkt. Ich empfehle es sehr, weil es mir nochmal die Augen geöffnet hat, wie der Druck nach dem Glücklich-Sein und der Anspruch, dass wir uns nur selber glücklich machen müssen, uns einschränkt. Ahmed behandelt das Glück als das, was es auch für Hans im Glück ist: nicht etwas, wofür eins arbeitet, sondern etwas, was einem*r passiert. (Auf Englisch kommt happiness nämlich auch von hap, was so viel bedeutet wie luck.) Faszinierende Analyse. Von einer anderen Person in der Pampa habe ich dann Maja Lundes Die Geschichte der Bienen ausgeliehen und beim Lesen dazwischen geschoben. Das Buch ließ sich gut lesen, ich hatte es in drei oder vier Tages durch und wie der Titel schon sagt, geht es um die Geschichte der Bienen und damit irgendwie auch um die Geschichte der Menschheit. Ich fand die Auflösung hier auch unrealistisch, also zu früh zeitlich angesetzt. Es kann auch sein, dass ich mich mit Biologie usw. einfach nicht gut genug auskenne, um das beurteilen zu können. Im Anschluss habe ich dann Deniz Yücels Taksim ist überall gelesen. In dem Buch geht um die Gezi-Proteste in der Türkei, und wie diese Bewegung Menschen in der ganzen Türkei und darüber hinaus beinflusst hat. Ich finde, es fängt sehr gut den Geist von Gezi ein und auch die politische Stimmung unter türkischen Oppositionellen und das politische Klima in der Türkei im Moment wie ich es auch über D. mitbekommen habe. Ich habe dann auch bewusst die neueste Ausgabe des Buches gekauft, wo ein Euro extra pro Buch an den Autor geht, der momentan in der Türkei im Gefängnis sitzt. Dann habe ich Carolin Emckes Wie wir begehren gelesen. Emcke beschreibt in einer Mischung aus philosophischer Abhandlung und eigenen Erinnerungen ihren eigenen Weg zum Begehren von Frauen. Sie schreibt darin sehr viele kluge Sachen, von denen einige bei mir hängen geblieben sind, und die auch zu den Büchern von Laurie Penny oder bell hooks passen, zumindest in meiner Welt. Als Abschluss der Pampa habe ich dann noch Der Mythos des Sisyphos von Albert Camus gelesen. Zum Abschluss noch so’n bisschen Philosophie. Ich gestehe ganz ehrlich, dass ich nicht alle Gedankengänge von Camus verstanden habe. Vor allem die Teile, wo er sich auf andere Philosophen, die ich nicht gelesen habe, bezieht, waren schwer verständlich. Geblieben ist das Bewusstsein über die Sinnlosigkeit der Welt, das Streben nach Sinn des Menschen und die Absurdität des Ganzen. Und auch: die Ablehnung des Selbstmordes und die Aufforderung zum wirklichen Leben jedes einzelnen Moments, komme was wolle, und die Auflehnung gegen die Absurdität.

Und außerdem habe ich festgestellt, dass das Album Blitze aus Gold von Chefboss sich hervorragend zum Joggen eignet. Da ich meine Jog-Zeit (das schreibt sich bestimmt anders) nun auch nach den Liedern abmesse, kann ich das Album wohl so schnell nicht wechseln…

 

„the will to extend one’s self for the purpose of nurturing one’s own or another’s spiritual growth“ (1)

Was ist Liebe? Fragen wir uns das nicht alle? Wollen wir nicht alle eine Antwort darauf haben? bell hooks argumentiert, dass Liebe kein Gefühl ist, sondern ein Handeln, dass wir also korrekter von lieben sprechen sollten als von Liebe. Ich gehe mit, und würde noch hinzufügen, dass lieben eine Entscheidung ist, die bewusst oder unbewusst (oder eher reflektiert oder unreflektiert) getroffen wird.

bell hooks beschreibt in ihrem Buch All About Love, dass mehrere Dinge zusammen kommen, wenn wir lieben:

  • care – das allein zieht im Deutschen so viele mögliche Übersetzungen nach sich, dass es schwierig einzugrenzen ist; ich würde Sorge/Fürsorge, Sorgfalt, Zuwendung, Betreuung, Versorgung, Pflege nehmen; also, etwas das all diese Übersetzungen gemein haben; es hat für mich viel von ehrlichem Interesse und Unterstützung, und auch Sorgetätigkeiten (was von Pflege bis zu emotionaler Arbeit reicht)
  • affection – Zuneigung
  • recognition – kann Anerkennung sein, und eine Form von Erkennen (was dann schon etwas sehr Spirituelles hat im Sinne von den*die Andere*n erkennen)
  • respect – Respekt
  • commitment – auch hier: viele Möglichkeiten; es geht von Engagement zu Verpflichtung, Einsatz, Zusage bis zu Bindung und Festlegung; für mich geht es darum, sich für eine Person zu entscheiden, sich zu „binden“ (nicht im Sinne von Ehe) im Sinne von „nicht beim kleinsten Problem weglaufen“; es hat also auch was mit Durchhaltevermögen zu tun
  • trust – Vertrauen
  • honest and open communication – ehrliche und offene Kommunikation (bell hooks, All About Love, S. 30)

 

Wenn alle diese Dinge zusammen kommen, dann würde bell hooks das als lieben bezeichnen. Ich auch. Der Gedanke tröstet, weil er lieben zu etwas macht, zu dem wir uns entscheiden können und das wir praktizieren können, für Andere und für uns selbst. Lieben ist dann nicht von flüchtigen Gefühlen abhängig. Ich kann eine Person lieben, auch wenn ich gerade genervt, verletzt oder traurig bin. Lieben wird so oft mit Glück und positiven Gefühlen verbunden, dass es oft scheint, dass das Lieben verschwindet, wenn diese Dinge gerade nicht vorhanden sind. Es tröstet auch, weil lieben sich nicht nur auf eine Person beschränkt, die dem Leben einen höheren Sinn gibt, sondern sich auf viele Personen ausdehen lässt. Und es tröstet auch, weil das heißt, dass ich weiterlieben kann, auch wenn es von außen vielleicht nicht so aussieht. Und als Allerletztes tröstet es, weil lieben eine Entscheidung ist, und wenn sie bewusst und reflektiert ist, dann meint sie so viel mehr als Verliebtheit oder Glücksgefühle; auch wenn das Arbeit und Gefühle wie Traurigkeit oder Wut mit sich bringen mag.

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(1) (Der Wille, das eigene Selbst auszudehnen, um die eigene spirituelle Entwicklung oder die einer anderen Person zu nähren) Erich Fromm zitiert nach bell hooks, All About Love, S. 29