Im Körper verankert

Ich wollte hier gar nicht schreiben. Ich wollte eine Auszeit nehmen, und das auch hier ankündigen. Dann hatte ich dafür irgendwie keine Zeit mehr, und jetzt sitze ich hier und schone meine Knie, weil ich offenbar schon ziemlich alt geworden bin. Oder meinen Körper überschätze. Eins von beidem. Deswegen hatte ich die letzten beiden Tage viel Zeit zum Denken und bin auf etwas gestoßen, was mir in den letzten Wochen und Monaten immer wieder aufgefallen ist.

Ich bin ein sehr verkopfter Mensch. Ich verbringe sehr viel Zeit in meinem Kopf (wie vermutlich viele Menschen, wie sollten wir auch je da raus kommen?), und ich habe ein großes Talent für Tagträumereien und Eskapismus. Ich kann mich sehr lange in meinem Kopf aufhalten, ohne mit anderen Menschen zu reden. In meinem Kopf ist unendlich viel Platz für Wünsche für mein eigenes Leben (und sehr bunte Ausmalungen dessen), Ideen für Geschichten und philosophische und reflektierende Gedankenspiralen. Es hört nie auf. Wenn ich mich nicht selber daraus hole, und das ist nicht immer einfach.

Interessanterweise treffe ich meine Entscheidungen meist nicht nach langem Überlegen, sondern nach meinem Bauchgefühl. Manchmal wäre es vermutlich schlau, etwas mehr über Dinge nachzudenken, bevor ich sie tue. Sonst würde ich vermutlich nicht hier sitzen und meine Knie schonen.

Wie kriege ich mich selbst aus meinem Kopf heraus? Jedes Mal, wenn es passiert, fällt mir auf, wie leicht und erleichternd es ist. Das Verrichten von sehr alltäglichen Dingen oder Arbeiten macht es meistens möglich. Kochen. Brote schmieren. Spülen. Duschen. Tätigkeiten, die keine große Denktätigkeit benötigen, weil mein Körper weiß, was er zu tun hat. Diese Tätigkeiten erinnern mich daran, dass ich ein Körper bin, als Körper existiere. Und dass ich nicht nur ein herumfliegendes Gedankengeschwader bin. Sondern dass ich existiere, hier und jetzt, und dass meine Finger Sachen tun, dass mein Körper sich bewegt ohne viel zu denken. Tanzen ist eine andere Tätigkeit, die das schafft. Mit oder ohne Musik, gerade lieber mit, in diesem Moment, in diesem langweiligen und tristen Raum, mit Regen vor dem Fenster, ist es eine Erinnerung, dass ich bin. Hier. Jetzt. In dieser Realität. Wie weit auch immer die sich in meinen Gedanken ausdehnen kann. Eine andere Sache, die hilft, ist das Beobachten von anderen Menschen. Das regt zwar auch mein Geschichtengehirn an, und gleichzeitig erinnert es mich, dass auch andere Menschen existieren. Im Hier und Jetzt.

Ich weiß nicht, ob das ein besonders revolutionärer Gedanke ist. Es ist, für mich, ein tröstender Gedanke, und das reicht mir. Es ist auch eine Erinnerung daran, dass wir auch in der Wissenschaft vielleicht so tun können als wären wir nur Kopf und Gedanken, und gleichzeitig nicht vergessen sollten, dass wir durch unsere Körper an einen bestimmten Standpunkt, eine bestimmte Perspektive gebunden sind, aus der wir nur schwer raus können. Und die nicht mehr und nicht weniger richtig oder valide ist als die einer anderen Person.

So viel zu den Dingen, die mir im Urlaub durch den Kopf gehen. Hier nun noch meine Empfehlungen zum Lesen:

Wie sehen wir eigentlich Farben und was sagt uns das über Realität? [Englisch]

Warum Darwin nicht ganz Recht hatte und Kooperation auch wichtig für Gesellschaften ist. [Englisch]

Wie die MENA-Region zu dem geworden ist, was sie heute ist, und warum es anders ist, als der Westen häufig denkt. [Englisch]

Welche Bedeutung ‚I Will Survive‘ für die LGBTQIA*-Community hat. [Englisch]

Warum Sookee ihre Rap-Karriere beendet und Musik für Kinder macht. (Die übrigens auch ziemlich gut ist. Zu finden jetzt als Sukini.) [Deutsch]

Linkschau #30

Woohoo, dreißig! Was für eine schöne Zahl! Dafür gibt es leider nicht so viel Inhalt, denn irgendwie habe ich nicht so viel konsumiert. Also, doch, ich habe schon alle Artikel gelesen, die mich interessiert haben. Und davon waren dann vermutlich nicht alle weiterempfehlungswert. Nun ja.

Bei den Femgeeks rezensiert Melanie das Buch Technically Wrong von Dara Wachter-Boettcher. Es geht um Technik und Sexismus.

Im Calvert Journal gibt eine Fotostrecke von Gus Palmer zu Nagorno-Karabach. [Beschreibungen auf Englisch.]

DasNuf schreibt über Körpernormen und Body-Egalness.

Bei RaceBaitr schreibt Hess Stinson darüber, wie soziale Erwünschtheit und Schönheitsnormen auch unsere Freund*innenschaften beeinflussen. [Englisch]

Hannah schreibt über „psychisch krank“, den Vorfall in Münster, und wie sie sich damit fühlt.

Und in der Zeit hat Vanessa Vu schon letzten Jahr über ihr Aufwachsen im Asylsystem geschrieben. Immer noch lesenswert.

Linkschau #27

Ich bin zu spät! Das liegt daran, dass ich erst langsam wieder in den Alltag zurückkomme. Und ich war ja auch noch ein bisschen dort, wo es keine Umlaute gibt. Was an sehr vielen Orten sein könnte. Haha. Da habe ich Deutschlandradio gehört, um auf dem neuesten Stand mit den Dingen in der Welt zu bleiben. Wie bürgerlich kann es noch werden?

Ein bisschen Links gibt es trotzdem.

Noah Sow erklärt, warum sie das Wort „fair“ für problematisch hält. [Video]

Bei Qantara schreibt Gustab Seibt über eine Ausstellung in Berlin zum Zusammenhang von Christentum, Judentum und Islam und dem etwas verkehrten Weltbild, was wir dazu haben.

Angela Köckritz schreibt in der ZEIT über moderne Sklaverei, und was Europas Migrationspolitik damit zu tun hat.

Bei kleinerdrei schreibt Juliane gegen den Entspanntheitswahn um Weihnachten herum, den kaum ein Mensch gerecht werden kann.

Dr. Vulva schreibt, auch bei kleinerdrei, über ihre Erfahrungen mit Polyamorie.

In diesem Video macht der Nerdwriter ein Gedankenexperiment, wie der Film Passengers besser sein könnte, und ich muss ihm eindeutig Recht geben. [Englisch]

Und zu guter Letzt ein Artikel von 2012 von Stepahnie Hegarty bei der bbc zu unserem Schlafrhythmus, und dass wir früher anders geschlafen haben. [Englisch]

Meine Geschichte mit Kopfhaar

img_3000Ich hatte in meinem Leben sehr oft kurze Haare. Ich mag kurze Haare, und ich mag, wenn meine Haare kurz sind. Ich mag auch, wenn ich gar keine Haare habe, oder wenn sie langsam wachsen und sich besonders flauschig anfühlen.

Zu meiner Gymnasialzeit hatte ich meist so mittellange Haare. Und ich hatte oft eine doofe Zeit. Ich wurde gemobbt, und ich habe mich vielfach nicht wohl gefühlt. Und sehr sehr lange habe ich die Länge meiner Haare damit in Verbindung gebracht. Ich mochte einfach nicht, was für ein Mensch ich mit mittellangen Haaren war und was ich mit mir habe machen lassen und welche Entscheidungen ich in meinem Leben getroffen habe. Erst kürzlich fiel mir auf, dass ich all das mit der Länge meiner Haare verbinde. Beziehungsweise verbunden habe. Ausrufezeichen!

Als es mir sehr schlecht mit mir und meinen Entscheidungen ging, hatte ich Glatze. Das hat geholfen. Steht mir auch ziemlich gut. Das hat auch dazu geführt, dass ich dann wirklich sehr lange Zeit ziemlich kurze Haare hatte. Das steht mir auch gut. Es ging mir auch gut damit. Ich mochte mich sogar.

Ich habe häufig gesagt, dass mir meine Haare egal sind. Die Wahrheit ist, dass das nicht stimmt. Ich habe nur kein Problem damit, keine oder sehr kurze Haare zu haben, weil ich auch das an meinen Haaren mag. Es steht mir, ich fühle mich damit wohl. Anfang diesen Jahres habeich beschlossen, meine Haare wachsen zu lassen und zu sehen, was passiert. Es gibt in diesem Prozess meist sehr viele Phasen, die scheiße aussehen, weil die Haare eine Zwischenlänge haben. Dieses Mal fand ich, dass ich eigentlich zu keinem Zeitpunkt scheiße aussah. Keine Ahnung, was andere Menschen dazu denken, aber ich fand und finde meine Haare gut.

Das Geheimnis dieses Mal ist, dass ich meine Haare ziemlich mag. Sie gefallen mir. Ich gefalle mir auch. What! Sie nerven manchmal und aus praktischen Gründen sind kurze Haare irgendwie immer noch besser (zumindest hängen sie nicht im Gesicht rum). Aber ich mag mich. Das legt nicht an meinen Haaren, das ist mir klar. Das liegt an anderen Prozessen, die ich in den letzten Monaten durchgemacht habe. Aber es zeigt mir, dass ich Prozesse durchgemacht habe. Und dass ich, unabhängig davon wie ich aussah als ich welche Entscheidungen auch immer in meiner Vergangenheit getroffen habe, mich jetzt lieber mag als früher. Es gibt immer noch Liebespotenzial nach oben, sogar ziemlich viel, aber es hat sich auch schon einiges getan. Und das ist ziemlich gut.

Deswegen warte ich jetzt ab, was mit meinen Haaren noch so passiert. Ich versuche auch, sie weniger zu waschen und gesünder zu halten. Das ist ein sehr langwieriger Prozess, der mir aber sehr wertvoll und wichtig erscheint. Vielleicht ist es auch irrelevant, aber ich arbeite trotzdem daran.

Linkschau #11

Woop woop! Gedanken anderer Menschen und so. Weil alle meine Gedanken in die Masterarbeit fließen…

Houssam Hamade schreibt in der taz über die Linke und die dortige Rezeption des Islams (Spoiler Alert: Kritik am Islam ist meist nur eine Bestätigung rassistischer Diskurse).

Your Fat Friend schreibt über Körperbilder und Fett. [Englisch]

In der Zeit Campus schreiben drei Autor*innen über die neue radikallinke Bewegung und ihre Kritik an der Gesellschaft, in der wir leben.

Eva Marie Kogel schreibt in der Welt über (sexuelle) Gewalt an Frauen in Syrien. [TW: Vergewaltigung, Folter, Gewalt]

In der Jungle World schreibt Sebastian Weiermann über die Notwendigkeit innerhalb der Linken, sich wieder mit Arbeit zu beschäftigen.

Hannah Witton hat auf youtube eine neue Kolumne gestartet, in der sie von ihrem Weg weg von der Pille erzählt. Bisher gibt es eine Folge. [Englisch]

Bei ustandslo schreibt Frau Taugewas über die Beziehung zu ihrem Kind und den Begriff „Wunschkind„.

Mirna Funk gibt bei der Zeit einen Einblick in das Leben jüdischer Menschen in Deutschland.

Bei der taz schreibt Hülya Gürler über den Streit in Berlin über ein Mahnmal für die Opfer des Massakers von Dersim in der Türkei.

Jan Werkener schreibt im Tagesspiegel über den Horror, der sich in geheimen Gruppen bei facebook auftut, in denen Menschen laufen rechte Straftaten begehen, die nach momentanem Stand nicht verfolgt werden können.

Und zum Abschluss zwei Videos: Nerdwriter erzählt von der Truman Show und was sie uns über Politik lehren kann (never accept the world). [Englisch] Und Rosianna spricht über Körperbilder bei Erwachsenen. [Englisch]