„the will to extend one’s self for the purpose of nurturing one’s own or another’s spiritual growth“ (1)

Was ist Liebe? Fragen wir uns das nicht alle? Wollen wir nicht alle eine Antwort darauf haben? bell hooks argumentiert, dass Liebe kein Gefühl ist, sondern ein Handeln, dass wir also korrekter von lieben sprechen sollten als von Liebe. Ich gehe mit, und würde noch hinzufügen, dass lieben eine Entscheidung ist, die bewusst oder unbewusst (oder eher reflektiert oder unreflektiert) getroffen wird.

bell hooks beschreibt in ihrem Buch All About Love, dass mehrere Dinge zusammen kommen, wenn wir lieben:

  • care – das allein zieht im Deutschen so viele mögliche Übersetzungen nach sich, dass es schwierig einzugrenzen ist; ich würde Sorge/Fürsorge, Sorgfalt, Zuwendung, Betreuung, Versorgung, Pflege nehmen; also, etwas das all diese Übersetzungen gemein haben; es hat für mich viel von ehrlichem Interesse und Unterstützung, und auch Sorgetätigkeiten (was von Pflege bis zu emotionaler Arbeit reicht)
  • affection – Zuneigung
  • recognition – kann Anerkennung sein, und eine Form von Erkennen (was dann schon etwas sehr Spirituelles hat im Sinne von den*die Andere*n erkennen)
  • respect – Respekt
  • commitment – auch hier: viele Möglichkeiten; es geht von Engagement zu Verpflichtung, Einsatz, Zusage bis zu Bindung und Festlegung; für mich geht es darum, sich für eine Person zu entscheiden, sich zu „binden“ (nicht im Sinne von Ehe) im Sinne von „nicht beim kleinsten Problem weglaufen“; es hat also auch was mit Durchhaltevermögen zu tun
  • trust – Vertrauen
  • honest and open communication – ehrliche und offene Kommunikation (bell hooks, All About Love, S. 30)

 

Wenn alle diese Dinge zusammen kommen, dann würde bell hooks das als lieben bezeichnen. Ich auch. Der Gedanke tröstet, weil er lieben zu etwas macht, zu dem wir uns entscheiden können und das wir praktizieren können, für Andere und für uns selbst. Lieben ist dann nicht von flüchtigen Gefühlen abhängig. Ich kann eine Person lieben, auch wenn ich gerade genervt, verletzt oder traurig bin. Lieben wird so oft mit Glück und positiven Gefühlen verbunden, dass es oft scheint, dass das Lieben verschwindet, wenn diese Dinge gerade nicht vorhanden sind. Es tröstet auch, weil lieben sich nicht nur auf eine Person beschränkt, die dem Leben einen höheren Sinn gibt, sondern sich auf viele Personen ausdehen lässt. Und es tröstet auch, weil das heißt, dass ich weiterlieben kann, auch wenn es von außen vielleicht nicht so aussieht. Und als Allerletztes tröstet es, weil lieben eine Entscheidung ist, und wenn sie bewusst und reflektiert ist, dann meint sie so viel mehr als Verliebtheit oder Glücksgefühle; auch wenn das Arbeit und Gefühle wie Traurigkeit oder Wut mit sich bringen mag.

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(1) (Der Wille, das eigene Selbst auszudehnen, um die eigene spirituelle Entwicklung oder die einer anderen Person zu nähren) Erich Fromm zitiert nach bell hooks, All About Love, S. 29

Im Kampf mit der Sozialisation

Seit Wochen bewege ich mich im Kreis. Ich schwanke wie ein Boot auf hoher See, und ein Grashalm im Wind. Ich bewege mich in einer Spirale, von der ich hoffe, dass sie größer und nicht kleiner wird.

Das ist frustrierend. In der einen Woche okay und reflektiert zu sein und sagen zu können, welches Leben ich leben will, ist wünschenswert, schön und befriedigend. In der Woche danach vor Wut weinend auf dem Sofa zu liegen und mir zu wünschen, dass eine andere Person meinen Kopf mitnimmt, ist weniger erfüllend. Und doch. Und doch gehört es beides zusammen. Alle diese Gefühle sind ein Teil von mir, und alle sind wahr und wichtig. Dass sie gleichzeitig oder nebeneinander auftauchen, macht die Sache nicht einfacher, aber von einfach war ja auch nie die Rede.

Heute glaube ich verstanden zu haben, was eigentlich genau passiert in meinem Kopf, Herz und Bauch. (Ich bin da vorsichtig, vielleicht irre ich mich auch.) Aus dem ganzen Hass und der Wut und Enttäuschung, die heute auf dem Sofa herrschten, kam ein Funken von Verständnis und Zuneigung und Empathie. Dann Trauer und wieder Wut. Die Tage sind einfacher zu ertragen, wenn sich nicht so viele Emotionen ständig abwechseln, aber dies sind die lehrreichen Tage.

Zunächst einmal verhindert Verständnis die Wut und den Hass. Verständnis ist im Grunde das Gegenmittel. Wenn ich verstehe, kann ich nicht mehr wütend sein. (Das mag für andere Menschen anders sein, bei mir geht das dann ziemlich schnell.) Ich kann mich aber auch weigern zu verstehen, weil ich wütend sein möchte. Der gerechte Zorn oder so. Wobei mich der gerechte Zorn auch noch nirgendwohin geführt hat. Zumindest an keinen Ort, der schöner gewesen wäre.

Ich habe mir das letzte Kapitel von Laurie Pennys Buch aufgespart. Vielleicht hatte ich auch noch keine Zeit es zu lesen, aber aufgespart klingt nach viel mehr Absicht, und dann ist die Geschichte schöner. Ich habe mir das Kapitel mit dem Titel „Liebe und Lügen“ also aufgespart und dann nach all den ganzen Emotionen, die meine Augen so schwer wie Blei gemacht haben, endlich gelesen. Und die Frau schreibt ja schlaue Dinge. Dinge, so wahr, dass sie mich in den letzten Tagen so wütend auf die Welt gemacht haben, dass ich dafür kaum Worte finden kann. Außerdem hat Laurie Penny die Worte ja schon gefunden, da muss ich keine besseren mehr suchen.

Und während ich das Kapitel las und gleichzeitig meinen Tag rekapitulierte (das geht parallel), kam mir die Erkenntnis, die hoffentlich auch eine ist, und auch eine bleiben wird: Ich kämpfe mit meiner Sozialisation. Genau genommen kämpft meine Sozialisation gegen die Dinge, die ich für richtig halte und nach denen ich mein Leben ausrichten möchte. Das sind in diesem Fall nämlich nicht die gleichen Dinge. Und beide wollen das Ruder in der Hand haben. Die Sozialisation drückt sich in Wut, Hass, Eifersucht und Selbstgerechtigkeit aus. Das sind ziemlich starke Dinge, die vor allem dafür sorgen, dass jedes Elend in meinem Kopf, Herz und Bauch auf ein Objekt außerhalb meines Körpers projiziert wird (soll heißen: das ist nicht meine Schuld, die Anderen sind doof). Und weil das so einfach ist, ist es so stark. Außerdem habe ich das schließlich 29 Jahre so gelernt, irgendwas muss ja dran sein.

Die Dinge, die ich für richtig halte, und nach denen ich mein Leben ausrichten möchte, sind etwas kleinlaut. Erstens sind sie noch nicht so lange in meinem Bewusstsein. Wenn ich großzügig bin, dann gestatte ich ihnen sechs Jahre in meinem Leben. (Wenn ich besonders großzügig bin, gebe ich ihnen zehn Jahre, davon allerdings ungefähr die Hälfte unkontrolliertes Aufbäumen gegen die Konventionen.) Ein Pups, gegen die 29 übermächtigen Jahre der Sozialisation. Außerdem kommen diese Dinge mit (Selbst-)Reflexion, Empathie, Schmerz und Trauer daher. Das sind sehr anstrengende Prozesse. Prozesse, die die 29 Jahre Sozialisation herausfordern und auseinandernehmen und hinterfragen und neu zusammen bauen wollen. Es ist das Lernen zu verlernen. (Ich kann das nicht genau zu ordnen, aber das haben schon viele Menschen vor mir gesagt, ich hab mir das nicht ausgedacht. Schnelles Googeln hilft gerade leider auch nicht.) Rückfälle sind wahrscheinlich zu erwarten, und sie sind hart und tun weh. Und trotzdem ist es notwendig, die Dinge zu verlernen, die ich gelernt habe. Zumindest ein paar davon. Die, die mich einengen und klein machen und mir sagen wollen, wie ich ein gutes, angepasstes Leben führen soll.

Die Dinge, die ich für richtig halte (ich empfehle bell hooks und GFK, aber das sind nur die aktuellen, die mir gerade einfallen), sind nicht einfach und nicht das, was von mir erwartet wird. Sie sind weder gesellschafts- noch kapitalismuskonform. Sie entsprechen nicht den Werten meiner Familie oder den Konventionen meiner Umgebung. Und trotzdem. Trotzdem bin ich nicht die Einzige, die so lebt, und die diesen Weg geht, und die sich aufbäumt und kämpft auch wenn es weh tut und wenn ich vor lauter Tränen den Weg nicht mehr sehe. Und das ist vielleicht das einzige, was mich hoffen und weitermachen lässt: Dass ich nicht die Einzige bin, und dass es besser wird, irgendwann. Irgendwann wird auch diese Epoche zu Ende gehen. Das ist der Trost, den ich brauche, auch wenn er nicht an jedem Tag ausreicht.

Ich weiß nicht, ob ich durchhalte, oder ob ich irgendwann einknicke. Im Moment knicke ich alle paar Tage ein und schlage mit Händen und Füßen wutschnaubend und tränenüberströmt um mich. Und ich hab keine Ahnung, ob das jemals vorbei gehen wird. Spielt jetzt aber auch keine Rolle. Deswegen schließe ich mit Laurie Penny, auf hoffnunsgvollere Art:

„Jenseits des ‚…bis zum Ende ihrer Tage‘, jenseits der einzig gültigen Geschichte, wie Leben, Arbeit und Partnerschaft beschaffen sein sollen, war die Liebe immer frei. Wenn das Märchen zu Ende ist, können wir noch viele Seiten umblättern in dieser langen, mühevollen Saga von der menschlichen Liebe, und es gibt immer noch eine Geschichte zu erzählen.“ (Laurie Penny, Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und Revolution. S. 257)

2016 V/…

Ich habe dieses Jahr schon zwei Mal „All about Love: New Visions“ von bell hooks gelesen Weil es ein gutes Buch ist, gut geschrieben und weil es mir geholfen hat, eine neue Perspektive einzunehmen zu mir selbst und zu Liebe. Jetzt lese ich gerade „Communion: The Female Search for Love“, auch von bell hooks. Es ist anders, weil es einen anderen Fokus hat, und gibt nochmal eine ganz neue Perspektive auf Liebe. Und heute hatte ich eine Erkenntnis, die ziemlich schockierend für mich war.

In Kapitel Sieben „Choosing and learning to love“ (sich entscheiden und lernen zu lieben) kritisiert hooks vor allem die sexistische Vorstellung, dass Frauen besser lieben könnten oder natürliche Kümmererinnen sind im Gegensatz zu Männern. hooks vertritt stattdessen die Meinung, dass alle Menschen gleich gut lieben und sich um andere Menschen kümmern könnten, es Frauen in ihrer Sozialisation aber nahe gelegt wird, diese emotionalen Fähigkeiten zu erlenen. Männlichkeit beruht in sexistischer und patriarchaler Sozialisation jedoch darauf, keine Gefühle zu zeigen. hooks kritisiert auch, dass dennoch viele Frauen denken, sie könnten (besser) lieben und die Probleme lägen bei den Männern, die keine Gefühle zeigen können oder wollen. Sie beschreibt dann ihren eigenen Prozess, in dem sie erkannt hat, dass sie selber gar nicht genau weiß, wie sie lieben soll und was dafür nötig ist.

An dieser Stelle ist mir aufgefallen, dass ich nach einem ähnlichen Schema verfahren bin in meinem Leben wie bell hooks. Ich habe mir sehr oft Männer gesucht, die emotional nicht erreichbar waren oder nicht über ihre Gefühle reden konnten oder wollten. Dafür haben sie alle meine Autonomie und meine eigene Entwicklung unterstützt.[1] Und irgendwann war ich frustriert in diesen Beziehungen, weil ich nicht die Liebe bekommen habe, die ich brauchte. Aber, so dachte ich, das liegt nicht an mir, denn ich kann ja über meine Gefühle reden.

Ja, ich kann über meine Gefühle reden.[2] Aber ich bin sehr schlecht darin, meine Wünsche und Bedürfnisse auszudrücken. Das habe ich jetzt schon einige Wochen und Monate immer wieder gemerkt. Ich bin schlecht darin. Aus Angst. Angst vor der eigenen Verletzlichkeit. Angst vor Zurückweisung. Angst davor, eine Last zu sein. Und wo Angst ist, kann keine Liebe sein (sagt bell hooks). Meistens warte ich, bis ich mich so sehr quäle und alles so schwer auszuhalten ist, bis ich mal über meine Gefühle rede. Und auch dann ist es einfacher, über meine Frustration, und Wut, und Ärger zu reden als über meine Bedürfnisse und Wünsche.

bell hooks argumentiert, dass sich viele Frauen, die sich nach Liebe sehnen, Männer suchen, die emotional nicht erreichbar sind oder nicht über ihre Gefühle reden können/wollen. WEIL es den Frauen dann auch erspart bleibt, über ihre eigenen Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse zu reden. Es ist der einfache Weg. Der, der kein Risiko bedeutet. Kein leap of faith. Keinen Mut. Und gleichzeitig erlaubt es dieser Weg, nicht über die eigenen Gefühle zu reden und selber nicht zu lieben.

Das bin ich. Ich bin diese Frau, die sich diese Männer sucht, und es sich dann in einer Ecke gemütlich macht, in der sie ihr Ding machen und nicht über ihre eigenen Gefühle reden und keinen Mut aufbringen muss. Die bin ich. Und gleichzeitig sehne ich mich nach Liebe. Die bin ich auch. Und dann, wenn die Liebe nicht kommt, dann gehe ich. Auch die bin ich. I am a quitter in love. Ich bin selber nicht bereit, über mich selbst hinaus zu wachsen und offen und ehrlich über meine Bedürfnisse zu reden, aber ich erwarte es von den Männern in meinem Leben, ohne mit ihnen darüber zu reden. Herzlichen Glückwunsch Anna. So funktioniert es bestimmt wunderbar.

Jetzt ist das erste Mal, dass ich dabei bleibe. Dass ich merke, dass ich schlecht darin bin, ehrlich zu sein. Zu mir selbst, und zu D. Dass ich bereit bin, an mir selbst zu arbeiten, gut zu mir zu sein und mutig zu werden. Der Gedanke, dass Gehen einfacher wäre, ist da. Aber einfacher heißt nicht besser, und einfacher heißt auch nicht glücklicher. Und niemand hat gesagt, dass es einfach wäre, zu lernen zu lieben.

[1] Was ich auch nach wie vor sehr sichtig finde und meiner Meinung nach ein Teil einer guten Partnerschaft sein sollte.

[2] Ich kann tendenziell noch besser darüber schreiben als reden, aber das sei hier mal außen vor gelassen.

Slow rain on green grass

Auch wenn ich nichts geschrieben habe, habe ich doch was getan! Zumindest Anfang der Woche. Für die Masterarbeit habe ich da vor allem gelesen (thematisch und methodisch). Damit ich im Kolloquium gut vorbereitet war. War ich dann auch (das war am Mittwoch) und dafür habe ich ein paar gute Anmerkungen bekommen. Die sind nun alle in einer Tabelle (sehr übersichtlich) verarbeitet und ich fühle mich besser, weil es zumindest so aussieht, als hätte ich einen Plan. Vielleicht drucke ich den sogar aus, das könnte hilfreich sein. Vielleicht. Vielleicht ist es auch erschreckend, weil ich noch so viele Sachen machen muss.

Nach dem Kolloquium habe ich mir frei genommen und Donnerstag gar nichts gemacht. Dafür viel Zeit mit D. verbracht und geredet. Leben und Zukunft und Wünsche und so. Leider sind wir beide relativ arm, was nicht sehr hilfreich ist, um wegzufahren oder umzuziehen oder neue Dinge zu kaufen. Aber wir arbeiten dran. Jede*r für sich und zusammen.

Mitbewohnerin C. hatte gestern Geburtstag, was auch schön war, weil wir einen Film geguckt haben (Taxi Teheran), der ziemlich gut war und nachdenklich gemacht hat und überhaupt. Ich mag gute Filme. Und Menschen mit Humor, auch wenn das Leben furchtbar und anstrengend und furchtbar anstrengend ist.

Da ich mir diese Woche zwei Tage frei genommen habe, werde ich das Wochenende wahrscheinlich durchgängig an der Masterarbeit arbeiten. Es gibt wie gesagt viel zu tun. Ich bin auch motiviert gerade, das muss ich auf jeden Fall nutzen. Die Energie und so. Heute Abend habe ich noch ein Treffen, yeaaaaaah (vielleicht), was hoffentlich nicht so lange dauert, weil ich, glaube ich, dann einfach wieder meine Ruhe brauche. Diese ominöse Ruhe, von der ich gerade immer rede, die erscheint mir wirklich sehr essentiell für mein Leben gerade. Das muss an der MA liegen.

Da Exmitbewohni L. mir am Montag schon meinen Theorieteil korrigiert zurück geschickt hat, werde ich mich nun daran machen, alle ihre Vorschläge zu bearbeiten und ggf. einzubauen. Das erscheint mir gerade sehr viel Arbeit, ist aber auch irgendwie das Einzige, was ich heute noch hinbekomme, da ich NATÜRLICH heute Morgen schon über fünf Studen arbeite war. Und irgendwann ist ja auch mal genug.

Ade!