Gedanken zu Trauer

Abseits von Tod.

Wir sprechen über Trauer, wenn wir überhaupt darüber sprechen, nur wenn es um Tod geht. Auch dann ist Trauer tabuisiert. Sie taucht kurz auf. Und dann möge sie bitte schnell wieder verschwinden. Es gibt eine Beerdigung, solange dürfen wir noch darüber reden, und danach mögen wir bitte ganz schnell wieder ins gewohnte Leben zurückkommen. Dass das nicht so einfach ist, wissen wir vermutlich alle. Und doch reden wir nicht darüber.

Trauer in dieser Gesellschaft ist einsam. Mein Eindruck ist, dass die wenigsten Menschen die Trauer anderer Menschen aushalten können. Keine*r möchte dabei sitzen, wenn Menschen trauern. Liegt es daran, dass Menschen denken, Trauer wäre immer traurig? Trauer heißt auch: über den Verlust reden, Witze machen, Verbindungen schaffen. Trauer heißt nicht immer Weinen. Trauer kann auch Lachen bedeuten. Trauer kann kreativ sein.

Und jetzt mal ganz ganz ehrlich: Wir trauern auch, wenn keine*r gestorben ist. Wir trauern um Menschen, wenn wir uns trennen. Und wir trauern nicht nur um Menschen. Wir trauern auch um Konzepte, Ideen, Wünsche, Ideale, Hoffnungen, Vorstellungen. Und auch dann ist Trauer ein Aushandlungsprozess. Ein Neu-Aushandeln von Beziehungen. Auch da gehen wir durch verschiedene Phasen der Trauer, die von Leugnen über Wut und Traurigkeit bis hin zu Akzeptanz gehen. Und die sich beliebig wiederholen. Denn meiner Erfahrung nach kommen einzelne Phasen immer wieder, wenn auch abgeschwächt und weniger schmerzhaft. Der Verlust ist permanent. Und wenn es nicht um Tod geht, dann vielleicht auch immer mal wieder präsenter, weil die Möglichkeit besteht, immer wieder mit den Dingen konfrontiert zu werden, von denen wir uns verabschieden.

Trauer sieht in anderen Gesellschaft anders aus. Dort ist sie präsenter, gemeinschaftlicher. Ich weiß nicht, ob das hilft, so grundsätzlich. Ich wünschte, es wäre in unserer Gesellschaft auch möglich, Trauer mit anderen Menschen zu teilen. Ich wünschte, wir hätten dafür Rituale. Ich bin noch nicht sicher, was für Rituale ich für mich möchte. Ob ich welche möchte.

Vor ein paar Jahren war ich in einem Museum – ich kann mich nicht mal erinnern, wo genau das war – und da gab es eine Ausstellung zu Trauer und Tod in der Vergangenheit. Und früher wurde in der deutschen Gesellschaft auch anders getrauert. In Dorfgesellschaften wurde die Kirchenglocke geläutet, wenn eine Person gestorben ist, und die tote Person wurde durch das Dorf getragen. Das sind die Dinge, die ich mir gemerkt habe. (Die einzige Referenz für diese Dinge ist mein Gehirn.) Natürlich ist das heute, in unseren großen Städten, so nicht mehr möglich. Wenn wir nicht mal unsere Nachbar*innen richtig kennen, wie sollen wir dann mit ihnen trauern? Wenn wir keine Gemeinschaft mehr haben, in die wir gehören, wie sollen wir dann teilen?

Vermutlich gab es auch in der Vergangenheit wenig Raum, um um etwas Anderes zu trauern als um Tote. Ich gehe also nicht so weit, mir die Vergangenheit zurück zu wünschen. Allein deswegen nicht, weil es da kein Internet gibt.

Unsere Trauerbiographien sind sehr persönlich. Ich bin davon überzeugt, dass jede*r schon um irgendetwas und irgendjemanden getrauert hat. Und ich bin dafür, auch Nicht-Tote in diese Biographien mit aufzunehmen. Weil uns diese Trauer genauso prägen kann wie die Trauer um Tote. Manchmal vielleicht sogar noch mehr.

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Es ist nicht vorbei, bis es vorbei ist

Ich höre gerade Adele und ich mochte ihre Lieder schon immer sehr gerne. Ich kann mich ziemlich gut mit ihrer Musik identifizieren. Irgendwas löst diese Musik in mir aus. Ich kann nicht genau sagen, warum, oder was es ist. Ich weiß nur, dass ihre Musik etwas in mir anrührt, das manchmal bedeutet, dass ich weinen muss. Meistens höre ich auch einfach nur zu und auf, andere Dinge zu tun. Ich bewundere ihre Stimme ziemlich, und es gibt dieses eine TinyDesk Konzert mit ihr (zu finden auf youtube), was ich sehr krass finde, weil ihre Musik immer so klingt, als würde sie sich total verausgaben. Und dabei sieht sie total entspannt aus. (Wahrscheinlich verausgabt sie sich trotzdem, Singen ist schließlich hart anstrengend. Sieht nur nicht so aus.)

Adele hat nun ansonsten nicht so viel mit mir zu tun. Was will ich also sagen? Das weiß ich selber nicht so genau. Ich habe fünf Beiträge angefangen, zu denen ich was schreiben möchte. (Einmal mein November Recap, und dann vier thematische Beiträge: Feminismus, Feminismus und Männlichkeit, Krankheit und Alter, Diverstät und Inklusion.) Ich komme nicht dazu. Oder wenn ich Zeit habe, zu schreiben, dann bin ich nicht in der Lage, mich zu diesen Themen zu äußern. Im Moment habe ich viele wirre Gedanken im Kopf, die alle sehr persönlich sind, und deswegen nicht hier landen. Die verhindern allerdings, dass ich mich kohärent zu den Themen äußern kann, zu denen ich mich äußern möchte.

Ihr merkt schon, dass dies ein gefühlsduseliger Rant ist, der nirgendwohin führt. Das steht allerdings in der Tradition dieses Blogs (und nie weiß eine*r, worum es eigentlich geht), von daher ist es ein Abtauchen in alte Zeiten. Ihr seid immer noch nicht schlauer, ich fühle mich besser. Nice.

In letzter Zeit habe ich das Gefühl, dass sich in mir irgendwas ändert. Der ganze Rahmen, in dem ich mich bewege, ändert sich. Das kann eins nicht sehen, das ist alles innen drin (vielleicht können es doch Menschen sehen, vielleicht manifestiert es sich irgendwie, nur ich weiß das nicht so richtig, ich sehe mich ja nicht von außen, ich merke das nur innen drin). Obwohl alles um mich herum schwebt und offen ist und nichts sicher (was ist schon sicher?), bin ich relativ entspannt. Das kann sich jede Minute ändern. Manchmal macht mich das auch nervös, diese ganze Entspanntheit.

Und im Grunde gibt es im Moment nur eine Person, die es schafft, mich nochmal in mein altes Ich zu ziehen. Das ärgert mich maßlos. (Ich ärgere mich über mich selbst.) Aber: Vielleicht schaffe ich es von Mal zu Mal, dem zu entkommen. Und wenn nicht, dann ist es auch irgendwann vorbei. Ich habe schon Abschied genommen, Erwartungen verbrannt, unendliche Tränen geweint, mich selbst gehasst, und Adele gehört. Irgendwann wird es vorbei sein.

Und dann, wenn ich so darüber nachdenke und -schreibe, dann bin ich auch doch wieder entspannt. Weil ich weiß, dass es auf die eine oder andere Weise irgendwann vorbei sein wird, und dass ich damit umgehen kann. Und dass es auch kein Falsch gibt in diesem Rahmen. (In keinem Rahmen, wenn wir ehrlich sind.) Es passt zu dieser schwebenden Offenheit. Und es klingt platt und banal zu sagen, dass alles gut wird. Viskas bus gerai. Denn: was heißt in diesem Fall schon gut? Ich habe kein besseres Wort dafür. Alles wird. Das reicht vielleicht. Alles wird, und ich werde.

Und um es mit Adele zu sagen: At least I can say that I’ve tried.

Linkschau #23

So, diesen Monat wieder etwas mehr, auch wenn ich irgendwie kaum Zeit hatte und mich nicht mehr erinnern kann, wann ich das alles gelesen haben will.

DasNuf war im Urlaub und schreibt über Europa, Grenzen, deutsche Politik und wie eins das alles den Kindern vermitteln kann/soll. Dabei stellt sie wichtige aktuelle Fragen.

Bei der Mädchenmannschaft schreibt Charlott über chronische Krankheiten, die manchmal unsichtbar sind, und wie der Umgang anderer Menschen damit meistens nicht besonders hilfreich ist.

Katja schreibt bei umstandslos darüber, wie eins sich ein Zuhause bauen kann, und wie schwierig das manchmal ist, vor allem, wenn es in der Vergangenheit unbewältigte Dinge gibt.

Hannah schreibt über veganes Essen und Vorurteile dazu und wie sich ihre Meinung dazu auch geändert hat.

Und dann gab es im Migazin Anfang des Monats einen Artikel zu einem Thema, das mich persönlich sehr bewegt: mehrere Millionen Menschen in Deutschland sind von der Bundestagswahl ausgeschlossen, weil sie keinen deutschen Pass besitzen. Der Artikel fordert mehr Einbürgerungen, ich fordere ein offeneres Wahlgesetz. In einem Haushalt, wo drei von sechs Menschen nicht wählen gehen dürfen, obwohl sie ihren ständigen Wohnsitz in Deutschland haben, macht mich das Thema Tag für Tag wütend.

In an.schläge hat Ulli Koch Lann Hornscheidt zu Sprache und sprachlichem Handeln befragt.

Elelonora Roldán Mendívil schreibt beim Lower Class Magazin über den Streik von Lehrer*innen in Peru. Und da ich sonst nirgendwo davon gelesen habe, das Thema aber wichtig finde, taucht es nun hier auf.

Im Missy Magazine schreibt Debora Antmann über die Forderung, über Dinge hinwegzukommen. Das hat viel mit mir zu tun, und mit meinen Gedanken zum Loslassen. Wahrscheinlich schreibe ich auch nochmal mehr darüber.

Susan George schreibt im Luxemburg über das Weiterbestehen des Kapitalismus und die elendige Verbindung von Kapitalismus und Neoliberalismus.

Und bei Class Matters schreibt Anne Bonnie über Klasse, Kapitalismus und die deutsche Linke. Wichtig, sehr wichtig.

Ent-Täuschung

Die letzten Wochen und Monate bin ich immer wieder auf dieses Wort gestoßen. Oder andere Menschen haben mich darauf gestoßen. Ich bin nicht die Erste, die das denkt, oder die darüber schreibt, denn auch ich wurde vor allem durch andere Menschen darauf gebracht. Das macht es nicht weniger relevant.

Kein Mensch ist gerne enttäuscht. Ich verbinde Enttäuschung mit Trauer, Traurigkeit, Wut. Mit viel Unverständnis. Es ist so ein Gefühl, was andere Menschen in einem anderen Licht erscheinen lässt. Und genau das ist der Punkt. Denn Ent-Täuschung bedeutet auch, dass wir nicht mehr getäuscht werden. Die Täuschung wird aufgehoben. Die Dinge, Menschen, sind anders als wir dachten. Nicht, dass wir näher an der Wahrheit sind. Ich glaube in diesem Fall nicht an Wahrheit. (Glaube ich überhaupt an Wahrheit?) Es ist auf jeden Fall anders als wir dachten. Wir hatten ein Bild, und dieses Bild bricht. Daraus entsteht ein anderes Bild. Was wir daraus machen, ist unsere Sache.

An den meisten Tagen weiß ich, dass ich dankbar sein sollte für die Ent-Täuschung. Weil ich den Eindruck habe, dass das Bild jetzt akkurater ist. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Vielleicht gehören auch beide Bilder zusammen, das Vorher- und Nachher-Bild. Und vielleicht könnte ich auch beide Bilder zusammen bringen, vielleicht könnte ich auch mit der Kombination dieser Bilder leben. Das werde ich wahrscheinlich nie herausfinden, weil es dafür zu spät ist. Ich kann nicht mal sagen, welches ich lieber mag, oder ob ich eins besser finde oder nicht. Keine Ahnung. Ich denke, es ist egal. Ich bin meistens traurig über die Ent-Täuschung. Ich wünschte, es gäbe einen anderen Weg damit umzugehen. Einen gemeinsamen Weg. Vielleicht ist es auch das, was mich am Traurigsten macht: Dass der gemeinsame Weg verstellt ist. Dass ich das Bild alleine zusammen fügen muss.

Vielleicht wäre das Ergebnis nicht mal ein anderes. Ich gucke immer noch durch liebende Augen, und das heißt, dass liebende Augen die Bilder zusammenfügen. Und vielleicht ist auch die Kunst, zu akzeptieren, dass Menschen und Dinge nicht sind, wie wir denken. (Wir wissen ja meist nicht mal, wie wir selber sind.) Und die Menschen und Dinge zu lassen. Wie sie sind, wie sie sein wollen. Andere Menschen und Dinge von uns selbst loszumachen.

Vielleicht ist die Ent-Täuschung auch etwas Positives, weil sie uns einem Menschen näher bringt, uns ein anderes, tieferes Verständnis von der Person bietet. Und auch von uns selbst, von den Ideen und Vorstellungen, die wir über andere Menschen haben. Die sagen mehr über uns aus als über die anderen Menschen. Mehr über unsere Ideen von uns und unsere Wünsche für unser Leben. Und über die Erwartungen, die wir an andere Menschen haben.

Es gibt viel zu lernen aus Ent-Täuschung. Gelegenheiten, um daran zu wachsen. Und gleichzeitig fühlt es sich anstrengend an. Und kommt mit Wut oder Traurigkeit oder Ohnmacht. Und vielleicht kann ich auch das akzeptieren. Dass das Leben voller ambivalenter Dinge ist.

„the will to extend one’s self for the purpose of nurturing one’s own or another’s spiritual growth“ (1)

Was ist Liebe? Fragen wir uns das nicht alle? Wollen wir nicht alle eine Antwort darauf haben? bell hooks argumentiert, dass Liebe kein Gefühl ist, sondern ein Handeln, dass wir also korrekter von lieben sprechen sollten als von Liebe. Ich gehe mit, und würde noch hinzufügen, dass lieben eine Entscheidung ist, die bewusst oder unbewusst (oder eher reflektiert oder unreflektiert) getroffen wird.

bell hooks beschreibt in ihrem Buch All About Love, dass mehrere Dinge zusammen kommen, wenn wir lieben:

  • care – das allein zieht im Deutschen so viele mögliche Übersetzungen nach sich, dass es schwierig einzugrenzen ist; ich würde Sorge/Fürsorge, Sorgfalt, Zuwendung, Betreuung, Versorgung, Pflege nehmen; also, etwas das all diese Übersetzungen gemein haben; es hat für mich viel von ehrlichem Interesse und Unterstützung, und auch Sorgetätigkeiten (was von Pflege bis zu emotionaler Arbeit reicht)
  • affection – Zuneigung
  • recognition – kann Anerkennung sein, und eine Form von Erkennen (was dann schon etwas sehr Spirituelles hat im Sinne von den*die Andere*n erkennen)
  • respect – Respekt
  • commitment – auch hier: viele Möglichkeiten; es geht von Engagement zu Verpflichtung, Einsatz, Zusage bis zu Bindung und Festlegung; für mich geht es darum, sich für eine Person zu entscheiden, sich zu „binden“ (nicht im Sinne von Ehe) im Sinne von „nicht beim kleinsten Problem weglaufen“; es hat also auch was mit Durchhaltevermögen zu tun
  • trust – Vertrauen
  • honest and open communication – ehrliche und offene Kommunikation (bell hooks, All About Love, S. 30)

 

Wenn alle diese Dinge zusammen kommen, dann würde bell hooks das als lieben bezeichnen. Ich auch. Der Gedanke tröstet, weil er lieben zu etwas macht, zu dem wir uns entscheiden können und das wir praktizieren können, für Andere und für uns selbst. Lieben ist dann nicht von flüchtigen Gefühlen abhängig. Ich kann eine Person lieben, auch wenn ich gerade genervt, verletzt oder traurig bin. Lieben wird so oft mit Glück und positiven Gefühlen verbunden, dass es oft scheint, dass das Lieben verschwindet, wenn diese Dinge gerade nicht vorhanden sind. Es tröstet auch, weil lieben sich nicht nur auf eine Person beschränkt, die dem Leben einen höheren Sinn gibt, sondern sich auf viele Personen ausdehen lässt. Und es tröstet auch, weil das heißt, dass ich weiterlieben kann, auch wenn es von außen vielleicht nicht so aussieht. Und als Allerletztes tröstet es, weil lieben eine Entscheidung ist, und wenn sie bewusst und reflektiert ist, dann meint sie so viel mehr als Verliebtheit oder Glücksgefühle; auch wenn das Arbeit und Gefühle wie Traurigkeit oder Wut mit sich bringen mag.

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(1) (Der Wille, das eigene Selbst auszudehnen, um die eigene spirituelle Entwicklung oder die einer anderen Person zu nähren) Erich Fromm zitiert nach bell hooks, All About Love, S. 29