Geschwisterliebe

Ich hatte ja erwähnt, dass ich noch mehr Listen habe. Harrharr. Habe ich auch. Eigentlich wollte ich am Sonntag auch schon was dazu geschrieben habe. Allerdings habe ich dann darüber, dass mein Herd kaputt gegangen ist und ich mir nichts mehr zu essen machen konnte, das Schreiben irgendwie vergessen. Nun ja, das wird ja wohl mal passieren dürfen.

Letzte Woche hatten wir Liebesbeziehungen, diese Woche haben wir Geschwister! Yay! Wesentlich interessanter als Liebesbeziehungen, denn Liebesbeziehungen kann ja jede*r auseinandernehmen und hypen. (Geschwister wohl auch, ich weiß nur nicht, ob das auch passiert.) Wie dem auch sei. Ist ja hier mein Blog und meine durchaus sehr subjektive und persönliche Liste. Bei den Liebesbeziehungen habe ich ja eine Auswahl von fünf getroffen, wobei ich im Nachhinein gerne noch eine andere hinzugenommen hätte. Jetzt ist es zu spät.1 Hier werden es vielleicht auch nur fünf. Vielleicht auch nicht. Entscheide ich on the go. Keine Reihenfolge und so.

  • Spock und Michael (Star Trek: Discovery)

spock + michael

Ich gucke ja – zugegebenermaßen sehr langsam – Star Trek The Original Series. Ich mag es. Ich mag besonders, dass es möglich ist, es langsam zu gucken, weil es nicht so süchtigmachend ist wie Serien heute konzipiert werden. Die ganze Sache mit Spock habe ich lange nicht verstanden. Also, ja, ich finde ihn als Charakter auch faszinierend. So richtig verstanden habe ich Spock erst, als er in Discovery auftauchte. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich wirklich noch nicht viel von der originalen Serie gesehen habe. Nun ja. Wie dem auch sei. Spock tauchte auf, und Spock und Michael sind wunderbar zusammen. Spock ist Michaels Foil (in Discovery auf jeden Fall, weil Michael da zuerst da war), das heißt, Spock kontrastiert Michael. Und zwar auf eine wunderbare Weise. Das schönste ist, dass die Serie sie mit jeder Folge näher zusammen bringt und das Verständnis für die Perspektive der jeweils anderen Person beide zu besseren Personen macht. Ich lebe ja für diese Form von Charakterentwicklung. Außerdem sind sie einfach witzig zusammen, was vor allem daran liegt, dass Spock witzig ist. Das schätze ich auch sehr an Charakterkonstellationen. Deswegen habe ich sie Anfang des Jahres ziemlich gefeiert. Jetzt ist es ja auch schon wieder vorbei.

  • Anna und Elsa (Frozen)

anna + elsa

Ich kann mich an den ersten Frozen Film leider nicht besonders gut erinnern. Deswegen rante ich jetzt über den zweiten.

Anna und Elsa sind auch Foils, also kontrastieren einander. Das ist ja quasi schon am Design ersichtlich. Falls ich das jetzt die nächsten Male auch wiederhole, haben wir alle verstanden, was für einen Typ Beziehungen ich schätze. (Kontraste! Alles Andere wäre ja auch langweilig.) Ich habe im zweiten Film gemerkt, wie krass Anna dem Herbst entspricht. Das macht sie mir ja sehr sympathisch. Also, Frozen 2. Anna und Elsa müssen im zweiten Film jede ihren eigenen Weg gehen und nachdem sie sich so wunderbar gefunden haben im ersten Film (immerhin daran kann ich mich erinnern), müssen sie jetzt beide lernen, loszulassen. Jeweils andere Dinge und jeweils auf ihre eigene Art und Weise. Ich würde also sagen, in Frozen 2 geht es ums Loslassen. (Auch ein Thema, das ich ganz besonders wichtig finde.) Was so schön an Frozen 2 ist, ist, dass sie, während sie loslassen, gleichzeitig aneinander festhalten. (Falls das keinen Sinn macht, whatever.) An ihrer Beziehung als Schwestern. Komme was wolle und so. Besonders gefällt mir, dass Elsa für Anna wichtiger ist als Kristoff. (So pauschal kann ich das eigentlich gar nicht sagen. In dieser Storyline ist das auf jeden Fall so, Elsa hat Priorität und das mag ich. Weil es auch so schön feministisch ist.) Ich könnte jetzt noch mehr dazu sagen, warum ich Frozen 2 auch sonst sehr gelungen finde (Klimawandel, Kolonialismus, Wiedergutmachung) das würde dann wohl zu weit führen. Ich empfehle den Film auf jeden Fall. Besser als der erste!

  • Meredith, Maggie und Amelia (Grey’s Anatomy)

mer, maggie + amelia

Es wissen schon alle. Ohne Grey’s Anatomy geht gar nichts. Zuerst will ich mal klarstellen, dass ich alle drei Schwestern auch einzeln wundervoll finde. Amelia ist locker eine meiner liebsten Frauen im Fernsehen. (Meredith ist außer Konkurrenz.) Nachdem Merediths person Cristina (zu den beiden kommt noch was, denn die beiden brennen mir schon seit Jahren unter den Fingern; mit ein Grund, warum es diese Listen überhaupt gibt) verschwunden ist, brauchte sie andere Freundinnen. Alex zählt nicht, denn er ist Alex. Und dann kamen Maggie und Amelia. Eine der Sachen, die ich an dieser Konstellation mag, ist, wie die Drei ihre Beziehung als Schwestern präsentieren und leben. Denn während Maggie und Meredith Halbschwestern sind, sind Meredith und Amelia Schwägerinnen und Amelia und Maggie demnach Halbschwägerinnen? Das ändert nichts daran, dass sie sich als Schwestern sehen und somit auch sind. Und das finde ich super, weil es deutlich macht, dass Familie auch eine Entscheidung ist. Die zweite Sache, die mich jedes Mal aus tiefstem Herzen glücklich macht, ist, dass sie zusammen wohnen, mit Merediths drei Kindern. Immer mal wieder ist eine von ihnen ausgezogen und immer wieder finden sie alle ihren Weg zurück in dieses Haus (das Haus, das Meredith von ihrer Mutter geerbt hat). Und ich mag es, weil es so ein Gegengewicht zu dem „wir leben als Paar zusammen“-Bild ist, das auch im Fernsehen vorherrscht, ist.

  • Mabel und Dipper (Gravity Falls)

mabel + dipper

Dieses Bild sagt schon ausreichend etwas über die Persönlichkeiten von Mabel und Dipper aus. Mabel ist eine der lustigsten Charaktere im Fernsehen, und dabei noch sehr liebenswert. Dipper ist auch liebenswert, nur anders. Eher durch seine Neugierde. Nerdig sind sie beide, auf ihre eigene Art und Weise. Auch hier: Mabel und Dipper kontrastieren wunderbar und immer wieder gibt es Folgen, in denen sie einander verletzen und enttäuschen. Und dann finden sie immer wieder zusammen und sind doch die Priorität des*r jeweils anderen Person und lernen etwas daraus. Das ist total schön und macht super viel Spaß, weil Gravity Falls eine spaßige Serie ist, bei der wir alle schön mitraten könnten, wenn wir nicht alle so faul wären wie ich (die ich die Rätsel einfach gegoogelt habe).

  • Brea, Tavra, und Seladon (The Dark Crystal: Age of Resistance)

brea, tavra + seladon

Ja ja, diese Serie hat’s mir angetan. Ich weiß. (Ich empfehle die Doku zur Entstehung der Serie. Ich war so überwältigt und beeindruckt davon!) Hier kommen auf jeden Fall Spoiler.

Brea, Tavra und Seladon sind die drei Töchter der All-Maudra, der Matriarchin der Gelflinge. (Alleine das finde ich schon toll, dass es eine Matriarchin gibt.) Brea ist die jüngste und Seladon die älteste, also die, die auch irgendwann den „Job“ ihrer Mutter erben wird. Tavra ist das Sandwich, und das ist auch ihre Rolle. Abgesehen davon, dass sie eine sehr empathische und mutige Soldatin ist, vermittelt sie immer wieder zwischen Brea und Seladon, die sich nicht besonders gut verstehen. Das liegt vor allem daran, dass Seladon daran trainiert wurde, die Regierungsgeschäfte der Familie sehr ernst zu nehmen und sehr diszipliniert ist. Brea als die jüngste nimmt das alles nicht besonders ernst und lebt in ihrer eigenen Welt. Sie hinterfragt die Regeln ständig und verstößt auch dagegen, wenn es gegen ihre eigenen Werte geht, womit Seladon schwer umgehen kann. Während Brea sich von ihrer Mutter immer wieder ungerecht behandelt fühlt, fühlt Seladon nicht gesehen. Und das setzt dann auch ihre jeweiligen Entwicklungen in Kraft. Seladon hat einen sehr emotionalen und traurigen redemption arc (Wiedergutmachungsgeschichte), während Brea die ganze Zeit „auf der richtigen Seite“ steht. Am Ende versöhnen Brea und Seladon sich, was ich als Entwicklung sehr gut gemacht finde, und es kommt auch nicht umsonst, es kostet beide sehr viel. Auch die drei kontrastieren einander, wer hätte das gedacht. Ist vielleicht auch einfach die beste Formation in solchen Konstellationen.

  • Callum und Ezran (The Dragon Prince)

ezran + callum

Ja. Auch Callum und Ezran sind in gewisser Weise Foils, wobei ich sagen würde, dass Callum und Rayla auch Foils sind. Wie dem auch sei. Ich habe das jetzt so oft geschrieben, dass klar sein sollte, dass ich drauf stehe, wenn Charaktere sich kontrastieren. It is known.

Ich könnte auch über The Dragon Prince ganz viel sagen (zum Beispiel die ganzen popkulturellen Referenzen, die mich jedes Mal zum Lachen bringen und die auch zeigen, aus welcher Tradition die Serie kommt; oder dass Callum vom gleichen Menschen gesprochen wird wie Sokka in Avatar: The Last Airbender (ich hatte auch überlegt, Katara und Sokka mit in die Liste reinzunehmen, darauf verzichte ich jetzt, denn der Post ist eh schon zu lang)). Ist ja hier nur nicht das Thema. Was ich an Callum und Ezran mag, ist, dass sie beide einfach empathische und freundliche Persönlichkeiten sind, die das Herz am richtigen Fleck haben und die erstens wissen, was sie für richtig halten, und die zweitens auch bereit sind, dafür einzustehen. Und ich liebe, wie sie sich ohne viele Worte verständigen können, was immer wieder zeigt, wie viel Zeit sie beim Aufwachsen miteinander verbracht haben. Oh, und natürlich Callums Tanz. Der ist ein Highlight.

So viel also zu Geschwistern. Mir ist aufgefallen, dass ich in Büchern nicht so viele Geschwister erinnere.2 Nächste Woche, wenn ich es nicht wieder verschlafe auf der Suche nach warmem Essen, gibt’s die nächste Liste. Hehe.

1. Florentino und Fermina aus Liebe in Zeiten der Cholera. Eine der schönsten Liebesgeschichten aller Zeiten. Geht es lesen. Auf jeden Fall!

2. Das stimmt nicht ganz. Auf der handschriftlichen Liste stehen auch die Baudelaires (Violet, Klaus und Sunny) aus Lemony Snicket’s A Series of Unfortunate Events, Fred und George Weasley (plus Ginny) aus Harry Potter und Jane und Elisabeth Bennet aus Pride & Prejudice. Irgendwie haben sie es nicht auf die ausführliche Liste geschafft. Ich kann es nicht erklären. Hier geht alles nach Gefühl. Erwähnt sein sollen sie hiermit trotzdem, denn es handelt sich auch bei den drei Beispielen um ganz exzellente Geschwisterpaare.

Linkschau #38

Ich komme irgendwie nicht dazu, das hier zu schreiben. Dabei sind die Tabs schon offen! Also, los geht’s, bevor was Neues dazwischen kommt:

Geschichte. Es ist lustig, denn das ist mein Job. Ha! [Englisch]

Jennifer Thorp schreibt auf Autostraddle über die queere Geschichte des geschorenen Kopfes. Ich fühle mich gleich wieder inspiriert, das auch mal wieder zu tun. Geht gerade nicht, aufgrund von Gründen. [Englisch]

Bei kleinerdrei schreibt Johanna, was für sie Verbündete sind, und wie sie dazu kam, diesen Begriff zu nutzen.

DasNuf schreibt über den Tod. Über den von anderen Menschen, und über den eigenen.

Bei der Mädchenmannschaft schreibt Anna-Sarah darüber, warum das Aufteilen von Aufgaben bei heterosexuellen Paaren nicht klappt.

Anne Helen Petersen schreibt bei BuzzFeed darüber, warum unsere Generation (ich weiß nicht, ob unsere, denn ich weiß nicht, ob meine Leser*innen der gleichen Generation angehören, also vielleicht eher meine Generation) die Burnout-Generation ist und wie das Leben in diesem System (Kapitalismus) uns zu nervösen und ständig ausgepowerten Menschen gemacht hat. Leider auf Englisch, für alle ein lesenswerter Artikel.

Bei kleinerdrei schreibt Francis Seek über Klassismus und Erben.

Kelsey Piper schreibt über künstliche Intelligenz und warum sie uns zerstören könnte und wir sie, gefälligst!, ernst nehmen sollten.

In dieser WDR-Doku geht es um Polyamorie mit Kindern. Ich finde die Doku sehr wertschätzend und respektvoll. Auch ein einfacher Einstieg, wenn eine sich noch nicht mit dem Thema beschäftigt hat. (Ich habe auch Kritik daran, z.B. dass Polyamorie sich in diesem Fall nur mit sexuellen Beziehungen befasst, was mMn nicht so sein muss.)

In der Zeit, weil sie es dürfen, ein Artikel über Schwangerschaftsabbrüche.

Johanna Montanari schreibt im Freitag über Überstunden, und wieviele davon unentgeltlich geleistet werden.

In der Zeit schreibt Caroline Rosales über Kaiserschnitte und bietet einen anderen Blick auf Geburt, als es in letzter Zeit zu lesen ist.

Mir fehlen die Worte

Es ist gleichzeitig erschreckend wie banal, dass mir die Worte fehlen. Ich schreibe seit Jahren, ich schreibe seit Jahren auch über meine Gefühle und Gedanken. Mit Sicherheit waren sie ziemlich theatralisch, als ich so 15 Jahre alt war. (Ich traue mich ehrlich gesagt nicht, einen Blick in diesen Abgrund zu werfen. Zumindest nicht im Moment.) Ich kann schriftlich gut kommunizieren, ich kann mich gut ausdrücken. Mit Schreiben verdiene ich mein Geld, und Schreiben ist mein Job. Neben Bildern besteht mein Kopf vor allem aus Wörtern. Ich mag Worte. Worte sind wundervolle Gebilde, die wir uns ausgedacht haben und die eigentlich nichts bedeuten, und dann wieder doch. Ich liebe Worte, die es nur in einer Sprache gibt, ich mag, wie sich manche Bedeutungen nur erschließen, wenn eins die Sprache ziemlich gut kennt, ich mag Doppeldeutigkeiten. (In den Worten, im Leben finde ich das meist anstrengend.) Ich finde Sprache faszinierend und spannend und kann mich darüber begeistern und über die Wortgebilde anderer Menschen lachen und weinen. Ich mag, wenn Menschen es schaffen, Worte so anzuordnen, dass andere Menschen auch etwas fühlen. Es gibt Menschen, deren Texte ich lese, und bei denen ich denke, dass ich auch so schreiben können möchte. Menschen, die gut schreiben, inspirieren mich.

Meine Welt besteht vor allem aus Worten und aus Sprache, und sei sie noch so unzureichend und unzulänglich. Am Ende ist sie alles, was wir haben. Und seit Monaten fehlen mir die Worte.

Ich habe versucht, welche zu finden. Ich habe versucht, die Worte aneinander zu reihen, sie auszuprobieren. Angefangene Textfragmente auf irgendwelchen Rechnern und Festplatten. Und dann lese ich das und möchte kotzen. Weil es nicht die passenden Worte sind. Entweder, sie sind zu banal, oder sie sind zu übertrieben. Vielleicht liegt es auch nicht an den Worten, vielleicht liegt es auch an mir. Entweder ich finde die richtigen Worte nicht, oder ich treffe nicht den richtigen Ton. Oder beides. Fest steht, dass ich nicht ausdrücken kann, was ich fühle und wie es mir geht. Banal oder überdramatisch. Keine Worte lösen aus, was ich meine, was sie auslösen sollen. Keine Worte drücken den Schmerz aus, keine Worte die Verzweiflung, die Trauer. Nichts, was ich schreibe, reicht. Es gibt Redewendungen, und doch nicht genug Worte, die beschreiben, wie sich die Kehle zuschnürt, wie die Tränen im Kopf drängen, wie sie gegen die Augen drücken und sich irgendwann rausstehlen, auch wenn sie das nicht sollen. Wie der Kloß im Hals sich von oben nach unten bewegt und doch nie ganz verschwinden wird. Wie die Gedanken kreisen und kreisen und kreisen und kreisen, als ob sie niemals weggehen würden. Die Unendlichkeit der Endlichkeit. Das „was wäre wenn“ und „vielleicht doch“ und „irgendwann“ und die Stimme im Kopf, die sagt „Stopp!“.

All das ist hohl und nichtssagend und abgedroschen.

Vielleicht ist es auch, dass der Schmerz tatsächlich so normal und bekannt ist, dass das, was in meinem Kopf passiert, in so vielen Köpfen passiert, was die Worte unzulänglich macht. Die Erkenntnis, dass das, was passiert, nichts Besonderes ist, und ich deswegen auch keine besonderen Worte finden kann, sondern nur die alten und hohlen und abgedroschenen. Oder die dramatischen und übertriebenen. So viele Menschen vor mir und jetzt und in Zukunft, die sich so fühlen. Und die Worte, die nicht ausreichen, um die Erfahrung teilbar zu machen. Und dann doch die Hoffnung auf eine Person, die den Schmerz kennt, genau diesen Schmerz oder zumindest einen, der sehr ähnlich ist, und für die eins keine Worte finden muss, weil die Erfahrung durch Erfahrung teilbar wird. Ob es das wirklich gibt?

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Kraftlosigkeit

Hannah hat letztens folgenden Satz geschrieben: „[Wir brauchen] Die Freiheit und den Mut manchen Menschen in unserem Leben zu sagen, dass wir sie nicht länger tragen können.“ (Quelle)

Das hat bei mir innerlich eine Glocke geläutet. Ich kann daran so gut andocken, dass es mich im übertragenen Sinne vom Stuhl gehauen hat.

Ich hatte diese Erkenntnis in der letzten Woche. Und in den letzten Tagen nochmal. Für verschiedene Konstellationen. Ich bin durch. So kraftlos. Meine emotionalen und geistigen Kapazitäten reichen gerade für die Bewältigung des Alltags und eigentlich würden sie auch für mich selbst reichen. Wenn ich nicht permanent damit beschäftigt wäre, andere Menschen mitzutragen. Für manche mache ich das gerne. Für andere nicht mehr. Und grundsätzlich kann ich es schlecht leisten gerade.

Eigentlich, wenn ich ganz tief in mich reinschaue und ganz ehrlich zu mir bin, dann habe ich gerade keine Kraft und Kapazitäten andere Menschen mitzutragen. Ich reiche nicht aus. Bin nicht genug. Wenn die Folge davon ist, dass ich Menschen verlasse und dass Menschen mich verlassen, dann weiß ich gerade nicht, wie ich das ändern soll. Ersteres will ich auch gar nicht ändern. Zweiteres würde ich gerne. Kann ich aber nicht. Weil ich keine Kraft dafür habe. Wer gehen will, muss gehen. Und ich lasse sie ziehen. Weil ich sie nicht (fest-)halten kann. Weil ich sie nicht tragen kann. Weil ich mich kaum selber tragen kann.

Was mich traurig macht, ist, dass die Kraftlosigkeit verschiedener Menschen, die in Beziehung zueinander stehen, zu mehr Trauer und Verlust führt, wenn sie nicht genug Kraft haben, um sich gegenseitig zu unterstützen. Weil wir alle gucken müssen, dass wir uns zuallererst selber tragen.

Gedanken zu Trauer

Abseits von Tod.

Wir sprechen über Trauer, wenn wir überhaupt darüber sprechen, nur wenn es um Tod geht. Auch dann ist Trauer tabuisiert. Sie taucht kurz auf. Und dann möge sie bitte schnell wieder verschwinden. Es gibt eine Beerdigung, solange dürfen wir noch darüber reden, und danach mögen wir bitte ganz schnell wieder ins gewohnte Leben zurückkommen. Dass das nicht so einfach ist, wissen wir vermutlich alle. Und doch reden wir nicht darüber.

Trauer in dieser Gesellschaft ist einsam. Mein Eindruck ist, dass die wenigsten Menschen die Trauer anderer Menschen aushalten können. Keine*r möchte dabei sitzen, wenn Menschen trauern. Liegt es daran, dass Menschen denken, Trauer wäre immer traurig? Trauer heißt auch: über den Verlust reden, Witze machen, Verbindungen schaffen. Trauer heißt nicht immer Weinen. Trauer kann auch Lachen bedeuten. Trauer kann kreativ sein.

Und jetzt mal ganz ganz ehrlich: Wir trauern auch, wenn keine*r gestorben ist. Wir trauern um Menschen, wenn wir uns trennen. Und wir trauern nicht nur um Menschen. Wir trauern auch um Konzepte, Ideen, Wünsche, Ideale, Hoffnungen, Vorstellungen. Und auch dann ist Trauer ein Aushandlungsprozess. Ein Neu-Aushandeln von Beziehungen. Auch da gehen wir durch verschiedene Phasen der Trauer, die von Leugnen über Wut und Traurigkeit bis hin zu Akzeptanz gehen. Und die sich beliebig wiederholen. Denn meiner Erfahrung nach kommen einzelne Phasen immer wieder, wenn auch abgeschwächt und weniger schmerzhaft. Der Verlust ist permanent. Und wenn es nicht um Tod geht, dann vielleicht auch immer mal wieder präsenter, weil die Möglichkeit besteht, immer wieder mit den Dingen konfrontiert zu werden, von denen wir uns verabschieden.

Trauer sieht in anderen Gesellschaft anders aus. Dort ist sie präsenter, gemeinschaftlicher. Ich weiß nicht, ob das hilft, so grundsätzlich. Ich wünschte, es wäre in unserer Gesellschaft auch möglich, Trauer mit anderen Menschen zu teilen. Ich wünschte, wir hätten dafür Rituale. Ich bin noch nicht sicher, was für Rituale ich für mich möchte. Ob ich welche möchte.

Vor ein paar Jahren war ich in einem Museum – ich kann mich nicht mal erinnern, wo genau das war – und da gab es eine Ausstellung zu Trauer und Tod in der Vergangenheit. Und früher wurde in der deutschen Gesellschaft auch anders getrauert. In Dorfgesellschaften wurde die Kirchenglocke geläutet, wenn eine Person gestorben ist, und die tote Person wurde durch das Dorf getragen. Das sind die Dinge, die ich mir gemerkt habe. (Die einzige Referenz für diese Dinge ist mein Gehirn.) Natürlich ist das heute, in unseren großen Städten, so nicht mehr möglich. Wenn wir nicht mal unsere Nachbar*innen richtig kennen, wie sollen wir dann mit ihnen trauern? Wenn wir keine Gemeinschaft mehr haben, in die wir gehören, wie sollen wir dann teilen?

Vermutlich gab es auch in der Vergangenheit wenig Raum, um um etwas Anderes zu trauern als um Tote. Ich gehe also nicht so weit, mir die Vergangenheit zurück zu wünschen. Allein deswegen nicht, weil es da kein Internet gibt.

Unsere Trauerbiographien sind sehr persönlich. Ich bin davon überzeugt, dass jede*r schon um irgendetwas und irgendjemanden getrauert hat. Und ich bin dafür, auch Nicht-Tote in diese Biographien mit aufzunehmen. Weil uns diese Trauer genauso prägen kann wie die Trauer um Tote. Manchmal vielleicht sogar noch mehr.