Kraftlosigkeit

Hannah hat letztens folgenden Satz geschrieben: „[Wir brauchen] Die Freiheit und den Mut manchen Menschen in unserem Leben zu sagen, dass wir sie nicht länger tragen können.“ (Quelle)

Das hat bei mir innerlich eine Glocke geläutet. Ich kann daran so gut andocken, dass es mich im übertragenen Sinne vom Stuhl gehauen hat.

Ich hatte diese Erkenntnis in der letzten Woche. Und in den letzten Tagen nochmal. Für verschiedene Konstellationen. Ich bin durch. So kraftlos. Meine emotionalen und geistigen Kapazitäten reichen gerade für die Bewältigung des Alltags und eigentlich würden sie auch für mich selbst reichen. Wenn ich nicht permanent damit beschäftigt wäre, andere Menschen mitzutragen. Für manche mache ich das gerne. Für andere nicht mehr. Und grundsätzlich kann ich es schlecht leisten gerade.

Eigentlich, wenn ich ganz tief in mich reinschaue und ganz ehrlich zu mir bin, dann habe ich gerade keine Kraft und Kapazitäten andere Menschen mitzutragen. Ich reiche nicht aus. Bin nicht genug. Wenn die Folge davon ist, dass ich Menschen verlasse und dass Menschen mich verlassen, dann weiß ich gerade nicht, wie ich das ändern soll. Ersteres will ich auch gar nicht ändern. Zweiteres würde ich gerne. Kann ich aber nicht. Weil ich keine Kraft dafür habe. Wer gehen will, muss gehen. Und ich lasse sie ziehen. Weil ich sie nicht (fest-)halten kann. Weil ich sie nicht tragen kann. Weil ich mich kaum selber tragen kann.

Was mich traurig macht, ist, dass die Kraftlosigkeit verschiedener Menschen, die in Beziehung zueinander stehen, zu mehr Trauer und Verlust führt, wenn sie nicht genug Kraft haben, um sich gegenseitig zu unterstützen. Weil wir alle gucken müssen, dass wir uns zuallererst selber tragen.

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Gedanken zu Trauer

Abseits von Tod.

Wir sprechen über Trauer, wenn wir überhaupt darüber sprechen, nur wenn es um Tod geht. Auch dann ist Trauer tabuisiert. Sie taucht kurz auf. Und dann möge sie bitte schnell wieder verschwinden. Es gibt eine Beerdigung, solange dürfen wir noch darüber reden, und danach mögen wir bitte ganz schnell wieder ins gewohnte Leben zurückkommen. Dass das nicht so einfach ist, wissen wir vermutlich alle. Und doch reden wir nicht darüber.

Trauer in dieser Gesellschaft ist einsam. Mein Eindruck ist, dass die wenigsten Menschen die Trauer anderer Menschen aushalten können. Keine*r möchte dabei sitzen, wenn Menschen trauern. Liegt es daran, dass Menschen denken, Trauer wäre immer traurig? Trauer heißt auch: über den Verlust reden, Witze machen, Verbindungen schaffen. Trauer heißt nicht immer Weinen. Trauer kann auch Lachen bedeuten. Trauer kann kreativ sein.

Und jetzt mal ganz ganz ehrlich: Wir trauern auch, wenn keine*r gestorben ist. Wir trauern um Menschen, wenn wir uns trennen. Und wir trauern nicht nur um Menschen. Wir trauern auch um Konzepte, Ideen, Wünsche, Ideale, Hoffnungen, Vorstellungen. Und auch dann ist Trauer ein Aushandlungsprozess. Ein Neu-Aushandeln von Beziehungen. Auch da gehen wir durch verschiedene Phasen der Trauer, die von Leugnen über Wut und Traurigkeit bis hin zu Akzeptanz gehen. Und die sich beliebig wiederholen. Denn meiner Erfahrung nach kommen einzelne Phasen immer wieder, wenn auch abgeschwächt und weniger schmerzhaft. Der Verlust ist permanent. Und wenn es nicht um Tod geht, dann vielleicht auch immer mal wieder präsenter, weil die Möglichkeit besteht, immer wieder mit den Dingen konfrontiert zu werden, von denen wir uns verabschieden.

Trauer sieht in anderen Gesellschaft anders aus. Dort ist sie präsenter, gemeinschaftlicher. Ich weiß nicht, ob das hilft, so grundsätzlich. Ich wünschte, es wäre in unserer Gesellschaft auch möglich, Trauer mit anderen Menschen zu teilen. Ich wünschte, wir hätten dafür Rituale. Ich bin noch nicht sicher, was für Rituale ich für mich möchte. Ob ich welche möchte.

Vor ein paar Jahren war ich in einem Museum – ich kann mich nicht mal erinnern, wo genau das war – und da gab es eine Ausstellung zu Trauer und Tod in der Vergangenheit. Und früher wurde in der deutschen Gesellschaft auch anders getrauert. In Dorfgesellschaften wurde die Kirchenglocke geläutet, wenn eine Person gestorben ist, und die tote Person wurde durch das Dorf getragen. Das sind die Dinge, die ich mir gemerkt habe. (Die einzige Referenz für diese Dinge ist mein Gehirn.) Natürlich ist das heute, in unseren großen Städten, so nicht mehr möglich. Wenn wir nicht mal unsere Nachbar*innen richtig kennen, wie sollen wir dann mit ihnen trauern? Wenn wir keine Gemeinschaft mehr haben, in die wir gehören, wie sollen wir dann teilen?

Vermutlich gab es auch in der Vergangenheit wenig Raum, um um etwas Anderes zu trauern als um Tote. Ich gehe also nicht so weit, mir die Vergangenheit zurück zu wünschen. Allein deswegen nicht, weil es da kein Internet gibt.

Unsere Trauerbiographien sind sehr persönlich. Ich bin davon überzeugt, dass jede*r schon um irgendetwas und irgendjemanden getrauert hat. Und ich bin dafür, auch Nicht-Tote in diese Biographien mit aufzunehmen. Weil uns diese Trauer genauso prägen kann wie die Trauer um Tote. Manchmal vielleicht sogar noch mehr.

Linkschau #31

Dieses Mal bin ich besser vorbereitet und habe schon vor dem 15. gemerkt, dass es bald wieder Zeit ist, um ein paar Gedanken zu teilen. Wie schön! Und ich habe auch regelmäßiger und mehr gelesen, deswegen gibt es auch mehr zu teilen.

Naekubi beantwortet die Frage, ob alle Asiat*innen gleich aussehen (Spoiler: Nein). Sie erklärt dann auch noch, warum nicht-asiatische Menschen das denken könnten.

In der Psychology Today ein Artikel von Karen Karbo über Freund*innenschaft, und warum wir mit den Menschen befreundet sind, mit denen wir befreundet sind. [Englisch]

Caitlin Doughty (a.k.a. Ask A Mortician) berichtet über ihre Reise nach Hawaii, wo sie sich über die rassistische Geschichte Hawaiis in Bezug auf Lepra-Erkrankungen informiert hat. [Video, Englisch]

Bei Pink Stinks (die kontrovers sind, darüber will ich mich gerade allerdings nicht auslassen) schreibt Marcel Wicker über Männlichkeit und Feminismus. Für alle, die denken, Feminismus sei nur was für Frauen oder das Ziel von Feminismus wäre, die Macht über Männer zu erlangen.

Hannah Rosenblatt bloggt bei der Mädchenmannschaft zu Psychiatriekritik und Macht. Sehr lesenswert.

Bei der Zeit schreibt Azadê Peşmen darüber, wie sogar das Lachen von Frauen in der Öffentlichkeit sanktioniert wird.

Alice schreibt bei kleinerdrei darüber, warum es keinem Menschen hilft, nett zu Rassist*innen zu sein.

Bei an.schläge schreibt Franziska Kabisch über Haare und Frauenkörper. Ich habe auch schon mal darüber geschrieben und bin fast versucht, auf jeden Fall inspiriert, auch nochmal über mein eigenes Verhältnis zu meinen Haaren zu schreiben.

Elena Ferrante (ja, die Autorin) schreibt bei der Freitag darüber, warum sie nie schlecht über eine andere Frau reden würde.

Und in der Welt ein Interview mit Deniz Yücel, nachdem er aus dem Gefängnis gekommen ist. Weil.

Ein Comic von Wrong Hands. Über Narzissmus. Unter anderem Namen. [Englisch]

Karl Marx hatte letzte Woche Geburtstag. In der taz gab es einen Artikel zu ihm von Ulrike Herrmann, in dem es darum geht, wie Marx das Proletariat erfunden hat.

Im Libertine Magazine schreibt Juliane Rump darüber, dass es für Frauen jetzt einfacher ist, sich alleine einen Kinderwunsch zu erfüllen als vorher.

In der Freitag schreibt Rebekka Gottl über Schutzehen. Und über die Scheinheiligkeit, mit der aufenthaltsrechtliche Gründe für Ehen anders bewertet werden als finanzielle oder steuerrechtliche.

Thomas Moser schreibt in der Freitag ein Update über den NSU-Prozess, der bald zu Ende gehen wird.

In der Zeit schreibt Mateja Meded über ihre Erfahrung als Geflüchtete in Deutschland und mit Rassismus.

Und dann ein Interview mit Leonhard F. Seidl, warum Widerstand gegen Abschiebungen notwendig ist. Auch in der Freitag, geführt von Elsa Koester.

Und noch ein Comic von Yao Xiao, wie wir uns in diesem Sommer um uns selbst kümmern können.

In der taz gab es ein Interview mit Naika Foroutan, einer führenden Migrationsforscherin in Deutschland. Geführt wurde das Interview von Daniel Schulz und es geht um die ähnlichen Kämpfe, die Ostdeutsche und Migrant*innen teilen.

Anja Maier schreibt in der Zeit über Trennung und ein Buch von Ulrike Stöhring. Es geht darum, wie Trennung auch anders gehen kann als gedacht, und dass gut gemeint Ratschläge vielleicht manchmal nichts bringen.

That was it (das war’s). <3

Linkschau #28

Mir scheint, ich habe diesen Monat einiges gelesen. Und nicht alles teile ich hier. Ich kann es nicht so gut erklären. Es gab Dinge, die ich gelesen habe, und die irgendwie für mich sind, und nicht für Euch. Ich versuche außerdem, mal verständlicher zu erklären, worum es in den Links eigentlich geht. Los geht’s.

Bei For Harriet geht es um Beziehungen (vorrangig Liebesbeziehungen) und darum, wie unsere Vorstellungen dieser Beziehungen von gesellschaftlichen Normen beeinflusst sind und wie dies dazu führt, dass wir alle anderen Beziehungen kleiner machen als sie sind, um Liebesbeziehungen auf ein Podest zu stellen. Ein Thema also, das mir sehr am Herzen liegt. [Video, Englisch]

Emma schreibt bei umstandlos darüber, wie für sie das erste Jahr widerständig leben mit Kind war. Sie hat vorher einen Artikel über widerständig schwanger sein geschrieben (der in dem Artikel auch verlinkt ist) und berichtet u.a. davon, wie enttäuscht sie teilweise von ihrem Umfeld war und wie allein gelassen sie sich gefühlt hat/fühlt.

Auf ihrem Blog schreibt Judith Holofernes, was sie aus und während ihrer Krankheit gelernt hat und plädiert für mehr Dankbarkeit im Leben. Und wie manche Dinge im Leben sehr schön sein können, auch wenn rundherum ziemlich viel scheiße ist. Und weil ich das auch kenne, kann ich ihren Artikel nur teilen.

In der taz fand sich eine Hommage an Rose Ausländer, geschrieben von Katja Nau. Rose Ausländer war eine jüdische Lyrikerin, diesehr viele bewegende Gedichte geschrieben hat. Wer sie nicht kennt, sollte auf jeden Fall hier etwas über sie nachlesen. Oder gerne auch sonst wo.

Tove Tovesson schreibt bei der Misyy über Gewalt gegen Frauen und damit zusammenhängend die Verstrickungen von Rassismus und Sexismus.

Maria Miguel hat einen Erfahrungsbericht darüber geschrieben, wie krank Arbeit im Kapitalismus macht. Sie erzählt aus Sicht einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin an einer Uni.

Im Guardian schreibt Rossalyn Warren über einen Mann, der seine Frau und Tochter umgebracht hat und wie seine beiden Söhne heute damit umgehen. Es geht viel darum, wie die Medien mit dem Fall umgegangen sind und wie die sexistische Kultur innerhalb der Gesellschaft den Mann entschuldigt haben, während die Schuld den beiden Frauen zugeschoben wurde. [Englisch]

Damit es nicht untergeht: An den Berliner Unis streiken die Hilfskräfte. Es gibt dazu noch mehr Material online, falls Ihr Euch dafür interessiert. Wichtig ist es allemal.

In der Jüdischen Allgemeinen schreibt dirk Löhr ein Portrait über Reinhard Schramm, der einmal im Monat ins Gefängnis geht und dort rechten Jugendlichen von seiner Lebensgeschichte erzählt.

Jäger & Sammler haben eine kurze Doku über Karneval und rassistische Karnevalskostüme gemacht. Erklärt ganz kurz die Hintergründe von Karneval und den Rassismus hinter den Kostümen. [Video]

Deniz Yücel sitzt heute seit einem Jahr im Gefängnis in der Türkei. In der Zeit hat er auch ein Buch herausgegeben und ein paar Texte aus dem gefängnis geschmuggelt. Wie es da so ist, kann in der taz nachgelesen werden.

 

Love is all around

Wenn mich diese Zeit eines gelehrt hat, dann dass ich von Menschen umgeben bin, die mich lieben und die ich liebe. Diese Menschen gibt es ganz in meiner Nähe, nur wenige Türen entfernt, und weiter weg, und nur wenige Internetsekunden entfernt.

Ich habe das schon öfter gesagt, und ich sage es gerne noch hundertmal. Unsere Gesellschaft erhöht die romantische Liebe unnötig. Versteht mich nicht falsch: Ich habe kein Problem mit der romantischen Liebe. Ich bin selber gerne verliebt, ich liebe mich gerne in eine andere Person hinein (um mal Carolin Emckes Worte zu benutzen). Mich stört, dass die romantische Liebe auf ein Podest gestellt wird, nach dem wir uns strecken sollen, als ob es sonst nichts Gutes im Leben gibt. Als ob nur diese eine Liebe Erfüllung bringt und wenn wir sie nicht finden, dann haben wir kein lebenswertes, erfülltes Leben.

Ehrlich? Das ist bullshit.

Ich selber glaube ja daran, dass das Leben wenig Sinn macht ohne Lieben und ohne Verbindungen zu anderen Menschen. Nur erstreckt sich das für mich nicht auf eine*n romantische*n Partner*in. Das würde die Liebe doch so sehr einschränken! Was ist mit Freund*innen? Mit Zufallsbegegnungen, denen wir in/nach kurzen Augenblicken viel Liebe entgegenbringen können? Was ist mit Familie? Mit politischen Partner*innen? Warum stutzen wir die Liebe so, dass sie nur noch in eine Form passt? Warum lassen wir uns so vereinzeln? Warum akzeptieren wir das, ohne zu murren?

Nun ja, zugegebenermaßen murre ich. Das nicht erst seit gestern. Das nicht nur, wenn ich Single bin, sondern auch wenn ich in einer Liebesbeziehung bin. Ich finde das einschränkend. Ich finde schon die Erwartung einengend, dass ich ALLES mit meiner*m Partner*in machen sollte. Jede einzelne Verpflichtung oder Spaßveranstaltung. Warum?

Ja, es macht Spaß, Zeit mit der Person zu verbringen, mit der man in einer romantischen Beziehung ist. Dagegen spricht ja nichts. Das sehe ich ähnlich. Ich persönlich bin auch dafür diese Person in mein soziales Netz zu integrieren. Ich finde das schön. Und gleichzeitig will ich nicht jede Sekunde mit dieser Person verbringen (müssen).

Jetzt ist das hier so ein Rant geworden, dabei sollte es eigentlich ein Plädoyer werden. Vielleicht kriege ich ja noch die Kurve. Hier also das Plädoyer für die anderen Formen von Liebe: für Urlaub mit der Schwester, für Konzertbesuche mit der Freundin, für Saunabesuche mit der Mutter, für Feiern mit der Zufallsbekanntschaft. Und für mehr Wertschätzung für diese Liebe. Zu oft behandeln wir Menschen, mit denen wir keine romantische Beziehung führen, wie nebensächlich oder entbehrlich. Dabei ist dem nicht so. Zumindest nicht in meinem Leben. Diese Menschen sind meine Unterstützung, mein Support. Ich wünsche ihnen ein erfülltes Leben, was auch immer das für sie sein mag, und sie wünschen mir ein erfülltes Leben, wenngleich das nicht mit ihren Vorstellungen übereinstimmen mag. Sie fordern mich heraus, und helfen mir beim Wachsen.

Darum geht’s doch, oder?