Dance it out

Erwiesenermaßen bin ich ein Fan von Grey’s Anatomy. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich hier schon mal erwähnt habe, dass ich die Serie nun seit fast zehn Jahren verfolge. Diese Charaktere sind mir sehr ans Herz gewachsen, sie sind fast wie Freund*innen, mit denen ich nicht reden kann, deren Leben ich aber verfolge. (Das klingt jetzt ziemlich stalkerig. Zum Glück geht es hier um eine Fernsehserie, und nicht um Freund*innen aus dem Alltag.)

Erwiesenermaßen sind Meredith Grey und Cristina Yang sehr gute Freundinnen. „You’re my person“, sagen sie einander. Nicht irgendein Mann ist „the person“ („der Mensch“), sondern die beste Freundin. Irgendwann wollte ich mal einen Post über die Freundinnenschaft der beiden schreiben, und leider bin ich nie dazu gekommen. Ich vermute, dass ich dann nochmal einen Grey’s Anatomy-Marathon durchziehen und alle (!) wichtigen Dinge rausschreiben müsste. Und dafür habe ich gerade überhaupt keine Zeit. Wahrscheinlich auch später nicht mehr. Halten wir also nur fest, dass die beiden die besten Freundinnen sind und sich gegenseitig unterstützen und halten, durch den ganzen Scheiß, durch den sie gegangen sind. (Wenn ich mir Cristinas Geschichte mit Männern angucke, bin ich irgendwie getröstet. Cristina durfte nämlich keinen Derek haben, so wie Meredith. Und ich schweife ab.)

[Spoiler!] Erwiesenermaßen ist Cristina dann irgendwann gegangen. (Lange Geschichte. Guckt doch einfach die Serie selbst.) Und Meredith hat noch andere Freund*innen (allen voran Alex, Alex FTW), und auch zwei Schwestern. So. Worauf will ich hinaus?

Meredith und Cristina hatten so ein Ritual, das sie durchgezogen haben, immer wenn es scheiße lief im Leben. Und das Ritual ist „dance it out“. Laute Musik, Freund*innen, Tanzen. Auch andere Menschen haben immer wieder beim Tanzen mitgemacht. Manchmal hat es auch eine alleine gemacht. Und immer wieder wird getanzt. Mit oder ohne Alkohol. Auf Partys, alleine, im Wohnzimmer, in der Küche, im Krankenhaus, auf dem Tisch. Zu jedem Problem. Tanzen löst vielleicht das Problem nicht. Und tanzen hilft.

Ich war nie eine passionierte Tänzerin. Ich habe mich in meinem Körper lange Zeit nicht wohlgefühlt. Ich finde, ich kann nicht besonders gut tanzen. Meistens tanze ich langweilig vor mich hin. Und manchmal tanze ich es raus. Ich habe erst im letzten Jahr damit angefangen. Warum eigentlich? Das weiß ich selber nicht so genau. Vielleicht weil ich mich in meinem Körper wohler fühle. Vielleicht weil ich genug Selbstbewusstsein dazu gewonnen habe. Vielleicht weil mir die Urteile anderer Menschen immer egaler geworden sind. Dann tanze ich halt langweilig. Immerhin tanze ich. Und tanzen genügt. Irgendwie. Tanzen hat noch keins meiner Probleme gelöst. Dafür hat Tanzen Hormone frei gesetzt. Und Tanzen fühlt sich gut an. Ich habe beim Tanzen geweint, gelacht, geschrieen. Ich tanze alleine oder mit Freund*innen. In der Küche, auf meinem Zimmer, auf Tischen in Brüssel, am Strand in Tel Aviv oder an der Nordsee. Mit laut aufgedrehter Musik oder mit Kopfhörern. Zu Musik in mindestens sechs verschiedenen Sprachen (Moment. Deutsch, Englisch, Französisch, Litauisch, Arabisch, Türkisch. Ja.) Zu verschiedenen Genres, von HipHop zu Elektro zu Folk.

Tanzen setzt Energie frei, und Emotionen. Tanzen befreit. Und Tanzen hilft. Ich plädiere für mehr Tanzen, ohne Scham, überall wo es uns überfällt und wenn wir es brauchen.

Und dann war da noch Nietzsche. „Und die, die tanzten, wurden für verrückt gehalten von denjenigen, die die Musik nicht hören konnten.“

„the will to extend one’s self for the purpose of nurturing one’s own or another’s spiritual growth“ (1)

Was ist Liebe? Fragen wir uns das nicht alle? Wollen wir nicht alle eine Antwort darauf haben? bell hooks argumentiert, dass Liebe kein Gefühl ist, sondern ein Handeln, dass wir also korrekter von lieben sprechen sollten als von Liebe. Ich gehe mit, und würde noch hinzufügen, dass lieben eine Entscheidung ist, die bewusst oder unbewusst (oder eher reflektiert oder unreflektiert) getroffen wird.

bell hooks beschreibt in ihrem Buch All About Love, dass mehrere Dinge zusammen kommen, wenn wir lieben:

  • care – das allein zieht im Deutschen so viele mögliche Übersetzungen nach sich, dass es schwierig einzugrenzen ist; ich würde Sorge/Fürsorge, Sorgfalt, Zuwendung, Betreuung, Versorgung, Pflege nehmen; also, etwas das all diese Übersetzungen gemein haben; es hat für mich viel von ehrlichem Interesse und Unterstützung, und auch Sorgetätigkeiten (was von Pflege bis zu emotionaler Arbeit reicht)
  • affection – Zuneigung
  • recognition – kann Anerkennung sein, und eine Form von Erkennen (was dann schon etwas sehr Spirituelles hat im Sinne von den*die Andere*n erkennen)
  • respect – Respekt
  • commitment – auch hier: viele Möglichkeiten; es geht von Engagement zu Verpflichtung, Einsatz, Zusage bis zu Bindung und Festlegung; für mich geht es darum, sich für eine Person zu entscheiden, sich zu „binden“ (nicht im Sinne von Ehe) im Sinne von „nicht beim kleinsten Problem weglaufen“; es hat also auch was mit Durchhaltevermögen zu tun
  • trust – Vertrauen
  • honest and open communication – ehrliche und offene Kommunikation (bell hooks, All About Love, S. 30)

 

Wenn alle diese Dinge zusammen kommen, dann würde bell hooks das als lieben bezeichnen. Ich auch. Der Gedanke tröstet, weil er lieben zu etwas macht, zu dem wir uns entscheiden können und das wir praktizieren können, für Andere und für uns selbst. Lieben ist dann nicht von flüchtigen Gefühlen abhängig. Ich kann eine Person lieben, auch wenn ich gerade genervt, verletzt oder traurig bin. Lieben wird so oft mit Glück und positiven Gefühlen verbunden, dass es oft scheint, dass das Lieben verschwindet, wenn diese Dinge gerade nicht vorhanden sind. Es tröstet auch, weil lieben sich nicht nur auf eine Person beschränkt, die dem Leben einen höheren Sinn gibt, sondern sich auf viele Personen ausdehen lässt. Und es tröstet auch, weil das heißt, dass ich weiterlieben kann, auch wenn es von außen vielleicht nicht so aussieht. Und als Allerletztes tröstet es, weil lieben eine Entscheidung ist, und wenn sie bewusst und reflektiert ist, dann meint sie so viel mehr als Verliebtheit oder Glücksgefühle; auch wenn das Arbeit und Gefühle wie Traurigkeit oder Wut mit sich bringen mag.

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(1) (Der Wille, das eigene Selbst auszudehnen, um die eigene spirituelle Entwicklung oder die einer anderen Person zu nähren) Erich Fromm zitiert nach bell hooks, All About Love, S. 29

Was ist eine Klassenherkunft?

Ich lebe eigentlich seit Jahren unter dem Armutsniveau. Wenn eins Student*in ist, gilt das fast schon irgendwie als normal, obwohl ich auch genug Menschen kenne, bei denen das nicht der Fall ist. Bei mir war das immer der Fall. Und ist es auch heute noch. Ich bin, was auch Geringverdienerin genannt wird. Relative Armut. Ich will darüber gar nicht jammern, oder Mitleid, oder sonst was. Ich möchte nur darüber reden. Weil es wichtig ist, und weil es so oft verschwiegen wird. Ich habe letztens mit einer Freundin darüber geredet, und festgestellt, dass ich Kleider vom Flohmarkt getragen habe, bevor es cool war. Weil meine Eltern es sich nicht leisten konnten, uns ständig neue Sachen zu kaufen. Und meine Sachen wurden auch in der Familie weitergereicht, für meine Geschwister und meine Cousin*en*s. Für mich war das normal, und ich hab das auch lange gar nicht hinterfragt. In letzter Zeit habe ich viele Texte über Klassismus gelesen, in denen es darum ging, dass es für Menschen aus der Mittelschicht/dem Bürgertum sowas wie eine selbstgewählte Armut gibt (also second hand ist cool), was teilweise mit einer Distanz von der eigenen Herkunft einhergeht, und dass Menschen aus der Arbeiter*innenklasse oft dafür gehatet werden, weil sie sich an Kleidernormen o.ä. anpassen. Armut muss eins sich eben auch leisten können.

Ich frage mich immer wieder, inwieweit mich Klassismus betrifft. Ich bin eine Person, die als „Aufsteigerin“ gilt, vor allem Bildungsaufsteigerin, und das hat ja grundsätzlich erstmal positive Konnotationen. Ich bin mir aber nicht so sicher, ob das alles so positiv ist. Bzw. wird über die negativen Seiten wenig geredet. Das ist allerdings nicht der Punkt, den ich gerade machen will. Es geht mir im Moment erstmal darum, mich mehr mit meiner eigenen Herkunft auseinanderzusetzen, und was das in dem Milieu bedeutet, in dem ich mich bewege. Das hat viel damit zu tun, wer ich eigentlich bin, und auch damit, inwieweit ich mich an das akademische Milieu anpassen möchte und auch kann. Und ob ich überhaupt dort bleiben möchte. Und warum wird es erwartet, dass ich mich anpasse, mit meiner Sprache und meiner Kleidung? Warum werde ich nicht ernst genommen, wenn ich mich so bewege, kleide, spreche, wie ich es immer getan habe? Ist das schon Klassismus? Gemischt mit Sexismus? Und dabei ist es doch schon so, dass es zwei Teile von mir gibt. Ich spreche mit meiner Familie anders als mit meinen Freund*innen und Kolleg*innen. In gewisser Weise habe ich mich schon angepasst. Oder anders entwickelt. Und das ist für mich mit widersprüchlichen Gefühlen verbunden. Es macht mich traurig zu wissen, dass meine Mutter mich manchmal nicht versteht und ich es nicht schaffe, so mit ihr zu reden, dass sie mich versteht. Und ich bin dankbar dafür, was Akademia mir eröffnet hat und wie es mir erlaubt hat, anders zu denken.

Im Moment kann ich nur viele Fragen stellen und keine Antworten geben. Weil ich sie (noch) nicht kenne. Sicher ist nur, dass ich immer wieder das Gefühl habe, dass ich dort, wo ich bin, nicht richtig hingehöre, und dort, wo ich herkomme, auch nicht (mehr). Ich plane, mich in den nächsten Wochen und Monaten mehr damit zu beschäftigen, und werde dann vermutlich auch mehr darüber schreiben.

Hiatus

Ich bin jetzt drei Wochen weg. Keine Arbeit, kein Internet, (so gut wie) kein Telefon. In der Pampa, unerreichbar, allein mit meinen Gedanken und Büchern und dem Meer. Wahrscheinlich werden auch andere Menschen da sein, aber egal. Ich werde diesen Blog nicht checken, ich nehme ja nicht mal den Laptop mit. Damit ich auch wirklich entspanne.

Aber ich hatte ein paar Gedanken in den letzten Tagen (und Wochen) und ich will ja auch das normale Programm nicht vorenthalten. Deswegen habe ich mindestens zwei Beiträge geplant für die Zeit, in der ich weg bin. Ich kann allerdings nicht darauf kommentieren, denn ich bin ja nicht da. Menschen können aber lesen und gerne Kommentare hinterlassen. Ich antworte dann später. In der Zwischenzeit schaffe ich Raum für neue Gedanken und damit dann auch neue Gedanken, die ich hier hinterlassen kann. Zu Liebe, Glück und Klassenzugehörigkeit. (Ich finde, das passt wunderbar zusammen.)

Cheers!

Keep calm and trust Snape

Severus Snape ist keine besonders liebenswerte Person. Er hat schikaniert und diskriminiert, und hat Anderen nicht viel Gutes gegönnt, vor allem Harry Potter nicht. (Oder seinem Vater, James.) Dennoch ist Snape ein heiß geliebter Charakter. Ich besitze ein T-Shirt mit dem Titel dieses Artikels, und ich trage es gerne. Ich war eine der Menschen, die nach Harry Potter and the Half-Blood Prince (Harry Potter und der Halbblutprinz) gesagt hat, dass Snape auf der guten Seite steht. Ich war davon überzeugt, dass Albus Dumbledore sich in dieser Sache nicht getäuscht hatte, auch wenn alles dagegen sprach. Und mit The Deathly Hallows (Die Heiligtümer des Todes) wurde ich bestätigt: Snape hatte sich für die gute Sache entschieden, hatte Harrys Leben gerettet und war dafür gestorben. Vielleicht ist es auch die ganze Tragik der Geschichte von Snape, weswegen so viele Menschen ihn mögen: die tragische Liebe zu Lily Evans, von der wir nur so wenig wissen. Es gibt gute FanFiction, die sich damit befasst, welche Gefühle Lily wohl für Snape hatte, bevor er den Weg auf die dunkle Seite der Macht (sorry) eingeschlagen hat. Wissen werden wir es nie, weil wir nur Snapes Seite der Geschichte kennen, und da wissen wir: Er hat sich auf die gute Seite geschlagen, weil er Lily immer geliebt hat, und weil er sich für ihren Tod verantwortlich gefühlt hat bis zum bitteren Ende. Tragische Liebe zieht wahrscheinlich immer.

Warum schreibe ich darüber? Das Internet ist voll mit Harry Potter, denn diesen Monat vor zwanzig Jahren ist der erste Band veröffentlicht worden. So früh bin ich nicht zu Harry Potter gekommen. Mit elf (also zwei oder drei Jahre nach der Veröffentlichung) hatte ich noch nie was von Harry Potter, Hermione Granger oder Ron Weasley gehört. Irgendwann kurz danach habe ich das Buch dann doch gelesen, weil meine damals beste Freundin es empfohlen hatte. Ich würde nicht sagen, dass mit Harry Potter meine Begeisterung für Fantasy begann. Wenn ich mich recht entsinne, habe ich auch vorher schon fantastische Geschichten gelesen. Dafür bin ich mit Harry Potter aufgewachsen und erwachsen geworden. Die Bücher haben mich durch meine Gymnasialzeit begleitet und seitdem habe ich sie mehrere Male gelesen. Nach Harry Potter kam der Herr der Ringe, und damit begann mein ganzes nerdiges Internetleben. Und Herr der Ringe war sehr wichtig für mich, aber für meine persönliche Entwicklung war und ist Harry Potter immer noch wichtiger.

Ich würde nicht sagen, dass ich die Bücher jedes Jahr lese, aber vielleicht jedes zweite. Das würde bedeuten, dass ich alle sieben Bücher schon an die sechs Mal gelesen habe. Ich könnte unendlich viele Seiten darüber schreiben, was ich daran liebe. Oder wie wichtig Hermione immer für mich war, weil sie gerne gelesen hat. Und ich weiß, dass ich nicht die Einzige bin, sondern dass es so viele Frauen und Mädchen auf der Welt gibt, für die Hermione eine wichtige Identifikationsfigur geworden ist. Ebenso wie Luna Lovegood oder Tonks oder Ginny Weasley.

Und doch. Und doch ist und war die Zeit der Marauders (also die Zeit, in der Harrys Eltern gelebt haben) immer am faszinierendsten für mich und vor allem die Freundschaft zwischen James, Sirius, Remus und Peter, ihre Feindschaft mit Snape und Lily Evans zwischen alldem. Vielleicht, weil wir immer noch so wenig darüber wissen, oder uns unseren eigenen Canon ausgedacht haben (wenn Ihr wissen wollt, wovon ich rede, dann solltet Ihr „The Times of Our Lives“ googeln, FanFiction über genau die Zeit, und zwar richtig gut geschrieben, leider nie beendet, also falls Ihr es ertragen könnt, dass wir nie wissen werden, was genau passiert, fangt ruhig an zu lesen). Es gibt auch so viel schöne Fanart dazu und meinen eigenen Canon in meinem Kopf plus ungefähr fünf nicht beendete Geschichten zu genau dieser Zeit im Harry Potter-Universum.

Ich kann viel über Harry Potter schreiben, aber eigentlich bleibt am Ende nur, dass es mich geprägt und begleitet hat. Immer wieder, auch in schweren Zeiten. Und wenn Bücher ein Zuhause sind, dann sind es diese auf jeden Fall.