Was ist eine Klassenherkunft?

Ich lebe eigentlich seit Jahren unter dem Armutsniveau. Wenn eins Student*in ist, gilt das fast schon irgendwie als normal, obwohl ich auch genug Menschen kenne, bei denen das nicht der Fall ist. Bei mir war das immer der Fall. Und ist es auch heute noch. Ich bin, was auch Geringverdienerin genannt wird. Relative Armut. Ich will darüber gar nicht jammern, oder Mitleid, oder sonst was. Ich möchte nur darüber reden. Weil es wichtig ist, und weil es so oft verschwiegen wird. Ich habe letztens mit einer Freundin darüber geredet, und festgestellt, dass ich Kleider vom Flohmarkt getragen habe, bevor es cool war. Weil meine Eltern es sich nicht leisten konnten, uns ständig neue Sachen zu kaufen. Und meine Sachen wurden auch in der Familie weitergereicht, für meine Geschwister und meine Cousin*en*s. Für mich war das normal, und ich hab das auch lange gar nicht hinterfragt. In letzter Zeit habe ich viele Texte über Klassismus gelesen, in denen es darum ging, dass es für Menschen aus der Mittelschicht/dem Bürgertum sowas wie eine selbstgewählte Armut gibt (also second hand ist cool), was teilweise mit einer Distanz von der eigenen Herkunft einhergeht, und dass Menschen aus der Arbeiter*innenklasse oft dafür gehatet werden, weil sie sich an Kleidernormen o.ä. anpassen. Armut muss eins sich eben auch leisten können.

Ich frage mich immer wieder, inwieweit mich Klassismus betrifft. Ich bin eine Person, die als „Aufsteigerin“ gilt, vor allem Bildungsaufsteigerin, und das hat ja grundsätzlich erstmal positive Konnotationen. Ich bin mir aber nicht so sicher, ob das alles so positiv ist. Bzw. wird über die negativen Seiten wenig geredet. Das ist allerdings nicht der Punkt, den ich gerade machen will. Es geht mir im Moment erstmal darum, mich mehr mit meiner eigenen Herkunft auseinanderzusetzen, und was das in dem Milieu bedeutet, in dem ich mich bewege. Das hat viel damit zu tun, wer ich eigentlich bin, und auch damit, inwieweit ich mich an das akademische Milieu anpassen möchte und auch kann. Und ob ich überhaupt dort bleiben möchte. Und warum wird es erwartet, dass ich mich anpasse, mit meiner Sprache und meiner Kleidung? Warum werde ich nicht ernst genommen, wenn ich mich so bewege, kleide, spreche, wie ich es immer getan habe? Ist das schon Klassismus? Gemischt mit Sexismus? Und dabei ist es doch schon so, dass es zwei Teile von mir gibt. Ich spreche mit meiner Familie anders als mit meinen Freund*innen und Kolleg*innen. In gewisser Weise habe ich mich schon angepasst. Oder anders entwickelt. Und das ist für mich mit widersprüchlichen Gefühlen verbunden. Es macht mich traurig zu wissen, dass meine Mutter mich manchmal nicht versteht und ich es nicht schaffe, so mit ihr zu reden, dass sie mich versteht. Und ich bin dankbar dafür, was Akademia mir eröffnet hat und wie es mir erlaubt hat, anders zu denken.

Im Moment kann ich nur viele Fragen stellen und keine Antworten geben. Weil ich sie (noch) nicht kenne. Sicher ist nur, dass ich immer wieder das Gefühl habe, dass ich dort, wo ich bin, nicht richtig hingehöre, und dort, wo ich herkomme, auch nicht (mehr). Ich plane, mich in den nächsten Wochen und Monaten mehr damit zu beschäftigen, und werde dann vermutlich auch mehr darüber schreiben.

Hiatus

Ich bin jetzt drei Wochen weg. Keine Arbeit, kein Internet, (so gut wie) kein Telefon. In der Pampa, unerreichbar, allein mit meinen Gedanken und Büchern und dem Meer. Wahrscheinlich werden auch andere Menschen da sein, aber egal. Ich werde diesen Blog nicht checken, ich nehme ja nicht mal den Laptop mit. Damit ich auch wirklich entspanne.

Aber ich hatte ein paar Gedanken in den letzten Tagen (und Wochen) und ich will ja auch das normale Programm nicht vorenthalten. Deswegen habe ich mindestens zwei Beiträge geplant für die Zeit, in der ich weg bin. Ich kann allerdings nicht darauf kommentieren, denn ich bin ja nicht da. Menschen können aber lesen und gerne Kommentare hinterlassen. Ich antworte dann später. In der Zwischenzeit schaffe ich Raum für neue Gedanken und damit dann auch neue Gedanken, die ich hier hinterlassen kann. Zu Liebe, Glück und Klassenzugehörigkeit. (Ich finde, das passt wunderbar zusammen.)

Cheers!

Juni Recap

Tüdelü. Der Juni ist heiß. Richtig heiß, zumindest gerade in diesem Moment. Und ich war so beschäftigt, und gleichzeitig so anstriebslos wie lange nicht mehr. Zunächst einmal war ich meine Schwester besuchen und daher in Heidelberg. Ich war letztes Jahr schon mal da, und bin mit D. dort rumgekraxelt. Dieses Mal sind wir nur flaniert und haben gutes Essen gegessen. Wir haben auch zwei Filme gesehen, die findet Ihr weiter unten. Außerdem war Schwesterhez auch hier! <3 Das war schön, so schön.

Prisoners
Den hab ich mit C. gesehen, sehr verstörender Film. Menschliche Abgründe und so. Allerdings beweist der Film entweder, dass ich zu viele Crime-Serien geguckt habe in meinem Leben oder dass meine Intuition ziemlich gut ist. Vielleicht auch beides. Sehr gut gespielt, offenes Ende, wobei für mich alles klar ist.

Smaragdgrün
Den habe ich dann mit Schwesterherz geschaut, weil wir die anderen beiden Filme davon auch zusammen gesehen haben. Deswegen musste das quasi sein. Allerdings hatten wir schwieirig, dem Plot zu folgen, weil wir nicht mehr sicher waren, was der vergangene Plot so war. Der Film war auch so unterhaltsam.

Blackfish
Den haben Schwesterherz und ich auch zusammen gesehen. Eine Doku über Orcas in Sea World. Sehr verstörend, sehr traurig. Ich bin immer wieder wütend darüber, wie wir mit anderen Lebewesen umgehen. Das zeigt sich ja auch immer wieder an unserem eigenen Konsum, und eben auch daran, wie wir Tiere halten und was wir Lebewesen zumuten, deren Art zu kommunizieren wir nicht verstehen können und von denen wir daher auch kein Einverständnis einholen können.

Tangled
Klassiker. Damals habe ich den gesehen, im Kino, ich glaube vielleicht sogar auf Englisch. Damals habe ich darüber geweint. Dieses Mal nicht, aber ich war den Tränen wie immer nahe. Ich mag den Film einfach. Er spricht zu mir.

Miss Sloane
Kam in der OV Sneak Preview, und da war ich mit C. Es war sehr schnell und die Themen rund um Lobbyismus im Englischen nicht so bekannt, deswegen war es manchmal schwierig, dem ganzen zu folgen. Ich mochte den Film, wie ich ja gerne so juristisch und politisch angehauchte Filme mag. Jessica Chastain ist im Übrigen ziemlich wundervoll.

An Serien habe ich nun endlich die letzte Staffel von Grey’s Anatomy zu Ende geguckt und warte erfreut auf die nächste Staffel. Auch mit How to Get Away with Murder bin ich jetzt durch. Woohoo, immer gut, immer weiter gespannt. Dann habe ich eine Folge von Criminal Minds geguckt und versuche da noch den Zeitpunkt zu finden, an dem ich beim letzten mal aufgehört habe. Davvon kann ich aber nicht immer so viel am Stück schauen, weil es so brutal ist. Außerdem ist es zu warm, um zu viel Serien zu gucken. Dann habe ich aber doch wieder angefangen, mit Orange is the New Black. Das liegt auch ein bisschen an Mitbewohnerin B., die guckt das nämlich auch.

Stattdessen habe ich mehr gelesen. Und zwar von Lemony Snicket The Miserable Mill, The Ersatz Elevator und The Vile Village, und von Mithu Sanyal das Buch Vergewaltigung. Ich bin irgendwie dazu übergegangen, parallel ein Sachbuch und einen Roman zu lesen. Das Prinzip funktioniert ganz gut. Vergewaltigung ist eine Analyse des gesellschaftlichen Diskurses um sexuelle Gewalt und die Konstruktion von Geschlechtern anhand dessen. Es hat mich sehr zum Denken angeregt.

Keep calm and trust Snape

Severus Snape ist keine besonders liebenswerte Person. Er hat schikaniert und diskriminiert, und hat Anderen nicht viel Gutes gegönnt, vor allem Harry Potter nicht. (Oder seinem Vater, James.) Dennoch ist Snape ein heiß geliebter Charakter. Ich besitze ein T-Shirt mit dem Titel dieses Artikels, und ich trage es gerne. Ich war eine der Menschen, die nach Harry Potter and the Half-Blood Prince (Harry Potter und der Halbblutprinz) gesagt hat, dass Snape auf der guten Seite steht. Ich war davon überzeugt, dass Albus Dumbledore sich in dieser Sache nicht getäuscht hatte, auch wenn alles dagegen sprach. Und mit The Deathly Hallows (Die Heiligtümer des Todes) wurde ich bestätigt: Snape hatte sich für die gute Sache entschieden, hatte Harrys Leben gerettet und war dafür gestorben. Vielleicht ist es auch die ganze Tragik der Geschichte von Snape, weswegen so viele Menschen ihn mögen: die tragische Liebe zu Lily Evans, von der wir nur so wenig wissen. Es gibt gute FanFiction, die sich damit befasst, welche Gefühle Lily wohl für Snape hatte, bevor er den Weg auf die dunkle Seite der Macht (sorry) eingeschlagen hat. Wissen werden wir es nie, weil wir nur Snapes Seite der Geschichte kennen, und da wissen wir: Er hat sich auf die gute Seite geschlagen, weil er Lily immer geliebt hat, und weil er sich für ihren Tod verantwortlich gefühlt hat bis zum bitteren Ende. Tragische Liebe zieht wahrscheinlich immer.

Warum schreibe ich darüber? Das Internet ist voll mit Harry Potter, denn diesen Monat vor zwanzig Jahren ist der erste Band veröffentlicht worden. So früh bin ich nicht zu Harry Potter gekommen. Mit elf (also zwei oder drei Jahre nach der Veröffentlichung) hatte ich noch nie was von Harry Potter, Hermione Granger oder Ron Weasley gehört. Irgendwann kurz danach habe ich das Buch dann doch gelesen, weil meine damals beste Freundin es empfohlen hatte. Ich würde nicht sagen, dass mit Harry Potter meine Begeisterung für Fantasy begann. Wenn ich mich recht entsinne, habe ich auch vorher schon fantastische Geschichten gelesen. Dafür bin ich mit Harry Potter aufgewachsen und erwachsen geworden. Die Bücher haben mich durch meine Gymnasialzeit begleitet und seitdem habe ich sie mehrere Male gelesen. Nach Harry Potter kam der Herr der Ringe, und damit begann mein ganzes nerdiges Internetleben. Und Herr der Ringe war sehr wichtig für mich, aber für meine persönliche Entwicklung war und ist Harry Potter immer noch wichtiger.

Ich würde nicht sagen, dass ich die Bücher jedes Jahr lese, aber vielleicht jedes zweite. Das würde bedeuten, dass ich alle sieben Bücher schon an die sechs Mal gelesen habe. Ich könnte unendlich viele Seiten darüber schreiben, was ich daran liebe. Oder wie wichtig Hermione immer für mich war, weil sie gerne gelesen hat. Und ich weiß, dass ich nicht die Einzige bin, sondern dass es so viele Frauen und Mädchen auf der Welt gibt, für die Hermione eine wichtige Identifikationsfigur geworden ist. Ebenso wie Luna Lovegood oder Tonks oder Ginny Weasley.

Und doch. Und doch ist und war die Zeit der Marauders (also die Zeit, in der Harrys Eltern gelebt haben) immer am faszinierendsten für mich und vor allem die Freundschaft zwischen James, Sirius, Remus und Peter, ihre Feindschaft mit Snape und Lily Evans zwischen alldem. Vielleicht, weil wir immer noch so wenig darüber wissen, oder uns unseren eigenen Canon ausgedacht haben (wenn Ihr wissen wollt, wovon ich rede, dann solltet Ihr „The Times of Our Lives“ googeln, FanFiction über genau die Zeit, und zwar richtig gut geschrieben, leider nie beendet, also falls Ihr es ertragen könnt, dass wir nie wissen werden, was genau passiert, fangt ruhig an zu lesen). Es gibt auch so viel schöne Fanart dazu und meinen eigenen Canon in meinem Kopf plus ungefähr fünf nicht beendete Geschichten zu genau dieser Zeit im Harry Potter-Universum.

Ich kann viel über Harry Potter schreiben, aber eigentlich bleibt am Ende nur, dass es mich geprägt und begleitet hat. Immer wieder, auch in schweren Zeiten. Und wenn Bücher ein Zuhause sind, dann sind es diese auf jeden Fall.

Linkschau #20

Und auf in die nächste Runde Gedanken anderer Menschen.

Stefanie Kron schreibt in der Zeitschrift Luyemburg über die Notwendigkeit der ‚Kanakisierung‘ linker Politik und plädiert damit für in die Inkorporation der Kämpfe für Bewegungsfreiheit in linke Politik.

Im Migazin stellt Nina Simon die Frage, für wen Einwanderung wirklich herausfordernd sei und fordert inklusive antirassistische Bildungsarbeit.

Martin Ballaschek schreibt über den wissenschaftlichen Nachwuchs und wie er an den Unis kaputt gemacht wird.

Und hier schreibt Sarah A. Harvard über drei Bilder des Oprah Magazines und von Fotograf Chris Buck, die auf Frauen und race schauen. [Englisch]

Bei broadly schreibt Samantha Ladwig über Frauen, die den Kontakt zu ihren Müttern abgebrochen und wie sie sich dadurch befreit haben.

Susan Djahangard und Jean-Pierre Ziegler rufen bei der Zeit dazu auf, Menschen mit Migrationsgeschichte etwas Anderes als nach ihrer Herkunft zu fragen.

Bei kleinerdrei erzählt Katrin die Geschichte ihres Bruder, die vom deutschen Gesundheitssystem handelt, das angeblich auf Solidarität beruht.

Und falls Ihr es noch nicht gesehen habt, hier Deniz Yücels Brief aus dem Gefängnis in der Türkei, den er seinen Anwälten diktiert hat.

DasNuf schreibt über Liebesbeziehungen und Kommunikation, was wie ich finde ein sehr wichtiges Thema ist. Außerdem geht es um Verträge.

Und hier Emma’s Comic zum Mental Load, den vor allem Frauen tragen, der in den letzten Tagen und Wochen schon viel geteilt wurde im Internet, deswegen kennt Ihr ihn bestimmt schon. [Englisch]

Kraehenmutter schreibt über Feminismus und was das bedeutet (oder bedeuten kann).

Im Missy Magazine schreibt Josephine Apraku darüber, warum Sprechen über Rassismus gerade auch in Liebesbeziehungen wichtig ist.

Hannah schreibt über Speziezismus und stößt dabei ein paar interessante Gedanken an.

Im letzten Baopu-Comic von Yao Xiao geht es darum, wie Geschlechterstereotype und das Sprechen darüber dafür sorgen, dass Mädchen von den Dingen entfernt werden, für die sie sich interessieren. [Englisch]

Und Naekubi schreibt über das Ende ihrer Dating-Aktivitäten und, zumindest hört es sich in meinen Ohren so an, über das Ende ihres Glaubens an die große Liebe.