In eine andere Sprache flüchten

Es ist so: Ich habe diesen Beitrag zuerst auf Englisch geschrieben. Ich habe nachgedacht, und konnte mir nicht vorstellen, diesen Beitrag auf Deutsch zu schreiben. Auf die Gründe komme ich gleich. Als der Beitrag geschrieben war, habe ich mich gefragt, ob ich einen englischen Blog aufmachen soll. Ich habe bei WordPress rumgeschaut, kurz überlegt, ob ich auf eine andere Seite wechseln soll, vielleicht wieder zu tumblr?, oder was ich jetzt hiermit machen soll. Zum Schluss habe ich beschlossen, mich an einer Übersetzung zu versuchen.

Ich wollte mich in eine andere Sprache flüchten. Als ob das irgendwas besser machen würde. Sprachen formen uns, wie wir sie formen. Angeblich kann eine sich am besten in der eigenen Muttersprache ausdrücken. Ich weiß nicht, ob das immer so stimmt. Gedichte zum Beispiel kommen zu mir nur auf Englisch. Die kann ich nicht auf Deutsch schreiben. Und übersetzen will ich sie nicht. Vielleicht, weil Englisch so eine Distanz entstehen lässt, eine Distanz zu mir, zu meinen Gefühlen, und Englisch es mir erlaubt, mich zu verstecken, hinter der Sprache, die nicht meine eigene ist. Vielleicht ist es mir auch deswegen leichter gefallen, diesen Beitrag erst auf Englisch zu schreiben. Deutsch ist so nah, zu nah, an mir dran. Mit Deutsch fühle ich mich manchmal nackt. Deutsch klingt manchmal zu kitschig. Manche Dinge lassen sich besser auf Englisch sagen. Andere Dinge lassen sich gar nicht sagen. Je nach Sprache bin ich ein anderer Mensch. Das ist mir zum erstem Mal aufgegangen, als ich das erste Mal im Ausland und in anderen Sprachen (gleich mehreren!) gelebt habe. Deutsch fühlt sich schwer an, Englisch leichter.

Ich habe schon oft darüber philosophiert, wie lange ich schon ein Blog habe. Über 10 Jahre, und mittlerweile ehrlich gesagt näher an 20 als an 10. Wenn ich so zurückblicke, dann sieht es so aus, als hätte ich früher mehr zu sagen gehabt. Ich habe mich mehr ausgedrückt. Ich hätte auch heute noch Dinge zu sagen. Die Welt ist in der Zwischenzeit nicht besser geworden, und meine Wut und Traurigkeit darüber nicht weniger. Mein eigenes Leben nicht einfacher. Aber je älter ich geworden bin, und je länger ich an der Uni bin, desto mehr zensiere ich mich selbst. Desto mehr habe ich das Gefühl, dass ich eh nichts zu sagen habe. Mittlerweile gehe ich zwar nicht mehr davon aus, dass sich andere Menschen dafür interessieren müssen, was ich zu sagen habe, damit ich es sagen kann. Ich weiß nur nicht, ob ich mich traue, zu sagen, was ich zu sagen habe.

Ich frage mich, immer wieder, was das heißt, Klasse und Klassenzugehörigkeit. Ich habe versucht, mich damit auseinanderzusetzen, aber ich habe keine Lust, Marx zu lesen. Ich weiß auch nicht, ob der so hilfreich ist. Schließlich arbeite ich weder in einer Fabrik, noch besitze ich eine. (Verkürzt, I know.) Wir reden nicht so viel darüber, was Klasse bedeutet. Klar, es gibt Menschen, die reden auf theoretischer Ebene über Klasse. Die nutzen Marx oder Bourdieu, um über Klasse zu sprechen. Es gibt Versuche, Klasse zu definieren, wobei ich bisher noch keinen gefunden habe, der nicht unendlich vage und damit unbrauchbar ist. Geht es nun um Geld? Oder um Bildung? Kultur? Verhalten? Alles davon? Nichts davon? Was heißt Klasse für unsere Leben, praktisch, täglich, im Erleben und Fühlen? Woran zeigt sich Klasse? Im Fernsehprogramm, das ich schaue? Der Musik, die ich höre? Den Büchern, die ich (nicht) lese? Den Dingen, die ich kaufe? Alles davon? Nichts davon?

Ich habe Probleme damit, mich mit einer Klasse zu identifizieren. Das liegt nicht nur an der fehlenden Definition von Klasse. Oder daran, dass die alten Definitionen von Klasse heute unbrauchbar sind. Es liegt auch daran, dass ich akademisiert bin. Zwischen den Stühlen ist auch hier zutreffend. Ich war lange Zeit an der Uni, und ich bin immer noch an der Uni. Ich schreibe eine Doktorarbeit. Ich habe mein bisheriges „Berufsleben“ vorwiegend an der Uni verbracht. Ich wurde da ein zweites Mal sozialisiert. Habe mir den Akademiker:innen-Habitus angeeignet. Weiß, was ich (nicht) zu sagen und wie ich mich zu verhalten habe. Habe gelernt, wie wichtig es ist, vor allem schlau auszusehen und zu wirken, und dass es notwendig ist, das immer wieder zu performen, bis eine irgendwann selber glaubt, es sei wahr. Vor ein paar Jahren hat eine Person in dem Verein, in dem ich tätig bin, davon gesprochen, dass wir alle Akademiker:innenkinder sind. Ich habe nicht widersprochen. Das zeigt, wie „gut“ meine Sozialisation in die Akademia gelungen ist (es merkt gar keine:r!), und welches Selbstverständnis Teile der Linken haben (wir sind alle Akademiker:innenkinder!) und wie wenig ich damals dazu stehen konnte, dass es für mich nicht zutrifft. Ich bin kein Akademiker:innenkind. Auch hier sind die Begrifflichkeiten schwach: bin ich deswegen automatisch ein Arbeiter:innenkind, obwohl meine Eltern beide Bürojobs haben und Facharbeiter:innen sind? Bin ich irgendwas dazwischen? Wer sind denn heute noch die Arbeiter:innen? Wollen wir eine Linie ziehen zwischen denen, die in Fabriken festgehalten werden, und denen, die in Büros festgehalten werden? Oder wollen wir eine Linie zwischen denen, die studiert haben, und denen, die es nicht getan haben?

Je länger ich an der Uni bin, desto weniger  traue ich mich etwas zu sagen. Auf jeden Fall traue ich mich nicht was zu sagen, was nicht „ordentlich“ recherchiert, verifiziert und mit Quellen versehen ist. Als ob ich nicht aus meinen eigenen Erfahrungen und Gedankengängen irgendwelche sinnvollen Gedanken haben könnte. Als ob sie nichts wert wären, wenn ich sie nicht auf große Namen zurückführen kann. Ich halte die Klappe und gebe mir Mühe, dabei möglichst schlau auszusehen. Je länger ich an der Uni bleibe, desto kleiner werde ich. Und ich habe keine Lust mehr kleiner zu werden. Hier ist ja genug Platz. Vielleicht musste es mal raus. Dass ich wieder so groß sein will wie ich bin. Größer, wenn ich kann. Dass ich wachsen will anstatt mich klein zu machen und halten zu lassen.

Pfannkuchen zum Frühstück

Ist eigentlich außer mir schon mal jemandem aufgefallen, dass ich ziemlich schlecht darin bin, mir Titel auszudenken? Es macht nicht besonders viel Sinn. Da ansonsten auch nicht viel Sinn macht, sehe ich einfach darüber hinweg. Falls ich jemals ein zu veröffentlichendes Buch betiteln muss, hoffe ich auf rege Hilfe aus meinem Freund:innenkreis.

Heute Morgen habe ich mich mit dem Chinesischen Tierkreiszeichen beschäftigt. Weil es gestern in einem Podcast über Südkorea vorkam. Dann habe ich mich erinnert, dass ich da ja noch so einen anderen Podcast hören und ein Video sehen wollte. Und weil ich das nun getan habe, rede ich jetzt zwar nicht über Corona, aber dafür auch nicht über besonders angenehme Themen. Die Welt ist nämlich, Pandemie oder nicht, für Frauen immer noch genau der gleiche Kackhaufen wie früher.

Denn neben Corona schlägt gerade der nth room Skandal in Südkorea richtig ein, quasi DIE beiden Themen auf der Tagesordnung. Ein paar westliche Medien haben begonnen darüber zu berichten, was ich für wichtig halte, und ich wollte meinen Blog nutzen, um ein bisschen Wissen zu verbreiten. Sehr viel weiß ich nicht (also, das was ich jetzt teile), weil ich kein Koreanisch kann und logischerweise vieles auf Koreanisch ist. Ich hab mir auch nicht viele Videos angeguckt, weil einige von Männern sind und ehrlich gesagt habe ich versucht, eins zu gucken, aber ich finde die Art und Weise, wie von Männern darüber geredet wird, sehr schwer zu ertragen.  (Falls Ihr Euch gerade nicht damit beschäfigen wollte, oder Fälle von sexueller Gewalt Euch triggern, dann überspringt einfach die nächsten drei Absätze.)

nth rooms sind Telegram-Chaträume, in denen Männer sexualisiertes Bild- und Videomaterial von Frauen und Mädchen (teilweise minderjährig) teilen. Die nth rooms sind quasi ein Auswuchs aus dem Dark Web, der jetzt auf Telegram operiert. Eintritt in die Chatrooms läuft über Eintrittsgelder, die gestaffelt sind (und danach wird auch content gestaffelt). Koreanische Seiten vermuten, dass über 260.000 Männer daran beteiligt sind, d. h. Material über die Chatrooms gekauft, konsummiert und geteilt haben. Die Frauen und Mädchen werden erpresst, indem gedroht wird, ihre persönlichen Daten samt Bildmaterial zu veröffentlichen. Mindestens 74 Frauen und Mädchen sind davon betroffen. Sowohl der Guardian als auch die bbc haben dazu veröffentlicht, und hier gibt es ein Interview mit einer koreanischen Feministin. Youtube ist voll von Videos über den Skandal (s. o.), das verlinkte Interview ist allerdings sehr respektvoll gemacht und lässt viel Raum für die Trauer und Wut der Interviewten. [Alle Links sind leider auf Englisch.]

Ich hab schon vor mehreren Tagen (vielleicht sogar zwei Wochen) davon gehört und hatte die ganze Zeit nicht die Kraft, mich damit zu beschäftigen, weil die Details ziemlich furchtbar sind. Wir sehen auch in Deutschland, dass Frauen über Spycams illegal aufgenommen werden (hier oder hier), und das zeigt vor allem, dass die Digitalisierung die sexuelle Ausbeutung von Frauen und das Verteilen von Bild- und Videomaterial noch einfacher macht. Und, dass die Justiz und die Gesellschaft nicht darauf vorbereitet sind.

Alles nichts Neues. Ich muss trotzdem darüber reden, weil es uns betrifft, weil es uns manchmal wütend und manchmal hilflos macht, weil es immer auch Menschen trifft, die wir kennen.

Sollte ich jetzt einfach weiter machen, mit einem anderen Thema? Ja, ich finde schon. Weil sexuelle Gewalt ein Teil meines Lebens ist. Weil ich darüber sprechen und weinen kann, und zehn Minuten später über ein dummes Video lache, oder mein Spiel auf der Switch weiterspielen. Weil ich auch nicht nur darüber nachdenken, oder gar nicht darüber nachdenken kann. Weil es ein Teil meines Lebens ist, so traurig das auch sein mag.

Es gab also heute Pfannkuchen zum Frühstück, was ganz wundervoll ist. (Ich habe also noch Mehl zuhause, haha!) Ich habe diese Woche auch ein einfaches Rezept für einen Hefezopf gelesen und weil ich sowieso Lust habe zu backen, werde ich das nächste Woche ausprobieren. Dann können wir vermutlich tagelang Hefezopf essen, weil wir ja sonst niemanden sehen. Oder vielleicht verteile ich ihn und lasse ihn bei meinen Freund:innen vor der Tür stehen. Das erscheint mir auch eine gute Möglichkeit. So kommen mir manchmal Gedankenblitze.

Weil ich mehr Zeit habe, spiele ich jetzt wieder Zelda (gerade bin ich bei einem Rätsel angekommen, das mir sehr viel Geduld abverlangt und was mir daher ziemlich schwer fällt) und stricke Socken (die ich dann im Winter anziehen oder verschenken kann, je nachdem). Ich koche viel und hänge viel im Internet rum. Ich würde wirklich gerne schwimmen gehen. Ich schreibe und versuche mich auf die Dinge zu konzentrieren, die ich steuern kann. Ich merke an kleinen Sachen, dass die Situation mich belastet und merke, dass ich automatisch mehr singe (angeblich hilft Singen nämlich dabei, Stresshormone abzubauen). Und unser Staubsauger funktioniert wieder richtig! Er muss wirklich sehr oft sauber gemacht werden, jetzt haben wir einen neuen Filter bestellt und hoffen, dass das auch langfristig was bringt. Die kleinen Dinge.

Und zum Abschluss dürfen auch die Gedanken anderer Menschen selbstverständlich nicht fehlen:

 

Kampftag

Es ist der 08. März, liebe Leute, Frauen*kampftag oder Frauenkampftag oder Internationaler Frauentag. Wie auch immer ihr ihn nennen wollt. Bevor ich dazu weiter was sage, will ich was ganz Anderes sagen, was im Moment total untergeht, oder schön geredet wird, weil alle über Corona reden.

Die EU macht push backs an der EU-Außengrenze in Griechenland und alle finden’s spitze. Frau von der Leyen und alle möglichen europäischen Regierungen stehen, scheinheilig, hinter der griechischen Regierung, die auf Migrant*innen schießt und sie davon abhält, die Grenze zu überqueren. Und alle finden das richtig. Und dann drehen wir uns um und reden darüber, wie vorbildlich Europa (alternativ die EU) ist, was Menschenrechte angeht. Scheiß auf Eure Menschenrechte, wenn sie darin bestehen, Menschen im Niemandsland verrecken zu lassen.

Nicht, dass das alles irgendwas Neues wäre. Die EU versucht seit Jahrzehnten ihr Möglichstes, Menschen davon abzuhalten, in die EU einzureisen. Ausnahmen (2015) bestätigen bekanntlich die Regel. Und wenn die EU nicht selber auf Migrant*innen schießt, dann lässt sie es ja auch einfach andere machen. Auch das nichts Neues. In den Lagern in Libyen wird gefoltert, mit dem Wissen der EU. Jetzt ist alles ein bisschen näher gerückt. Nicht, dass ich besonders toll finde, was Erdogan macht, der die Menschen auch ihrem Schicksal im Niemandsland überlässt und sich einen Scheißdreck um ihr Wohl oder ihre Rechte schert. Nur was die EU gerade tut, ist auf unser Asylrecht zu scheißen. Denn wir haben ein Asylrecht, und der EU sind push backs nicht gestattet. Weder auf dem Mittelmeer noch an den Landgrenzen. Menschen, die flüchten, müssen aufgenommen werden. Sie zurück über die Grenze zu drängen (= push back) ist illegal.

Und der Kackhaufen, der Dublin I, II oder III heißt, sorgt dafür, dass Menschen auf Lagern auf griechischen Inseln (siehe Lesbos) in den schlimmsten Bedingungen hausen und die griechische Regierung überhaupt nicht nachkommt, sich um diese Menschen zu kümmern. Dublin hat ja seit es beschlossen wurde noch nie funktioniert, weil es die Verantwortung für Geflüchtete bei einzelnen Ländern belässt und sich alle anderen beruhigt die Hände rein waschen. Nichts daran ist okay. Nichts daran ist gut. Nichts daran ist irgendwie zu rechtfertigen. Ich weiß, das kommt allen immer irgendwie so weit weg vor, und wir haben ja auch mehr Mitgefühl mit weißen Menschen anstatt mit Schwarzen. Ich will nur noch mal ganz klar sagen, dass wir hier von Menschen sprechen. Jedes einzelne Leben, genauso ein Leben wie Deins. Genauso voller Wünsche, Sorgen, Gefühle, Beziehungen, schlechten Angewohnheiten. Gestrandet im Niemandsland zwischen Griechenland und der Türkei, Türkei und Syrien, auf griechischen Insel oder Malta, in Lagern in Libyen, Ägypten, Tunesien, Marokko, Libanon. Und es gibt keinen guten Grund dafür, warum es so sein sollte.

Um den Bogen zu schlagen zum ersten Absatz: am meisten leiden auch in diesem Fall Frauen und Kinder. Die deutsche Regierung hat dagegen gestimmt, besonders vulnerable Personen aus der Grenzregion aufzunehmen. Es ging dabei vor allem um Kinder, Schwangere, alleinreisende Frauen und Kranke. Für all diese Gruppen ist die Lage am schlimmsten, und die Politik der EU trägt nicht dazu bei, die Lage der Menschen zu verbessern.

Am schlimmsten ist, dass alle so tun, als sei es überraschend oder neu, was hier passiert. Die EU macht ja schon seit Jahren nichts Anderes, als ihre eigenen Grenzen zu schützen. Vor schutzlosen Menschen. Darüber kann ja jede*r selber nachdenken.

Und um noch mal eine andere Sache anzusprechen, bei der auch alle so tun, als sei es irgendwie überraschend oder neu: Die rechtsterroristischen Anschläge von Halle und Hanau sowie der Mord an deutschen Kommunalpolitikern sind es nämlich auch nicht. Die rechten Netzwerke gibt es seit Jahren, sie sind seit Jahren aktiv, waren nie verschwunden und haben auch früher schon Menschen umgebracht. (Und auch nicht überraschend, dass diese Netzwerke bis in gesellschaftliche Institutionen wie Unis hineinragen.) Einwurf Ende.

Zurück zum Tag der Frauen(*). Frauen sind in unserer ach so schönen Welt immer noch nicht gleichberechtigt. Es macht mich schon erschöpft, diesen Satz überhaupt zu schreiben. Denn auch er ist (you guessed it) nichts Neues. Wir reden uns seit Jahren den Mund fusselig, und dann führe ich immer noch Diskussionen darüber, ob Männer bessere Musik machen als Frauen oder die Musikindustrie einfach biased gegenüber Frauen ist (ganz abgesehen von den Hörer*innen). Hier mehr.

Frauen wissen auch tendenziell weniger über Geld, Finanzen, Vermögen als Männer. Nicht nur, dass sie also weniger verdienen oder öfter in Teilzeit arbeiten oder mehr Care-Arbeit übernehmen.

Dazu die wichtige Frage, wie feministisch es eigentlich ist, eine Putzhilfe zu engagieren. Denn wie ich schon gesagt habe, weiße Frauen sind anderen Frauen gegenüber immer noch privilegiert. Das Patriarchat ist nicht unser einziges Problem (re: Frauen an der Grenze).

Und wer nicht nur negative Schlagzeilen lesen will, kann ja auch was Positives über Frauen lesen. Es gibt so viele beeindruckende Frauen auf der Welt, und sie werden viel zu schnell vergessen, unterschlagen, ignoriert. Hier eine kleine Auswahl, teilweise habe ich das schon mal gepostet, nur es kann ja nicht schaden. Gebt Euch Mühe, die Frauen zu entdecken in den Bereichen, für die Ihr Euch interessiert. Ich garantiere, dass es sie gibt. Es gibt uns überall.

  • Fran Drescher (aka Die Nanny) war eine der ersten jüdischen Schauspielerinnen, die eine jüdische Frau im Fernsehen gespielt hat
  • Cha Myung-sook hat beim Gwangju Upising in Südkorea für die Demokratie gekämpft und ist dafür ins Gefängnis gegangen (mehr zum Gwangju Uprising und der Rolle der USA hier)
  • Warum wir alle aufhören sollten, Fangirls fertig zu machen [Video]
  • St. Gertrude (Frauen waren auch schon früher dope)
  • Warum wir in den Medien, die wir konsumieren, nicht nur starke Frauen brauchen, sondern alle Frauen
  • Harley Quinn braucht keinen Mann (repost)
  • Wie das Leben von Nonnen heutzutage aussieht
  • ‚I Will Survive‘, LGBTQ+ und HIV
  • Reyhan Şahin über Diskriminierung in der Uni
  • Guckt einfach Little Women, wenn Ihr könnt (repost)
  • Frauen sind in der Literatur einsam (und deswegen miserabel), Männer hingegen sind alleine (und heldenhaft)
  • und dann schreiben Frauen übrigens auch

 

Einsame Insel oder Untergrund

So viele schreiben darüber und es gibt faktisch nichts, was ich Neues dazu beitragen kann. Auch meine Ideen dazu sind nicht neu. Gleichzeitig ist es mir ein Anliegen, meine Gefühle und Gedanken dazu auszudrücken, damit es viele Stimmen gibt, die sich dagegen wehren und aufbegehren.

Die AfD ist in den Bundestag eingezogen. Es ist nicht überraschend gewesen (und das ist das schlimme daran), und doch immer noch schockierend. Mit der AfD zieht eine Partei in unseren Bundestag, die rassistische, sexistische, behindertenfeindliche, heterosexistische Aussagen macht; die rechte, diskriminierende Politik machen möchte. (Und die nicht nur von irgendeinem rechten Rand unterstützt wird, sondern von der rassistischen Mitte.)

Es gibt Stimmen, die sagen, dass die Demokratie das aushalten muss, und vielleicht muss sie das. Dennoch fällt es mir nicht so leicht, das einfach so abzutun, und mich darauf auszuruhen. Denn ich fühle mich bedroht. Ich bin weiß und heterosexuell, und die AfD bedroht meine Ehe, meine Freund*innen, meine Art zu leben. Sie bedroht die Gesellschaft, in der ich leben möchte, indem sie so ziemlich alles verneint, was ich unterstütze. Persönlich reduziert sie mich auf ein traditionelles Frauenbild, das ich nicht leben möchte.

Vielleicht zerfleischt sie sich selbst, vielleicht findet sie keine Antworten auf dringende Fragen, und vielleicht doch. Abgesehen davon behaupte ich, dass es nicht um faktische Antworten auf Fragen geht, sondern um emotionale, und dass die AfD das bedienen kann, haben wir schon die letzten Wochen, Monate und Jahre gesehen. Und deswegen ist sie gefährlich, bedroht unsere Demokratie und unsere Mitmenschen.

Ich bin schon politisch aktiv, und ich werde es auch weiter sein. Jetzt erst recht. Der Hass bringt mich immer wieder zum Weinen und macht mich so wütend. Der Gedanke, sich irgendwo zu verstecken, kommt immer wieder. Und doch ist mir klar, dass wir kämpfen müssen. Vor allem diejenigen von uns, die privilegiert sind und Ressourcen haben. Und das werde ich auch weiter tun.

Es haben schon einige andere geschrieben, deswegen nur kurz zu der Frage, was wir machen können:

  • engagiert Euch
  • spendet Geld
  • unterstützt PoC-Organisationen
  • macht den Mund auf
  • sucht euch Unterstützung
  • bleibt solidarisch
  • organisiert Euch
  • passt auf Euch auf

Mehr Infos oder Inspirationen hier [Englisch], hier oder hier, hier oder hier.

Was ist eine Klassenherkunft?

Ich lebe eigentlich seit Jahren unter dem Armutsniveau. Wenn eins Student*in ist, gilt das fast schon irgendwie als normal, obwohl ich auch genug Menschen kenne, bei denen das nicht der Fall ist. Bei mir war das immer der Fall. Und ist es auch heute noch. Ich bin, was auch Geringverdienerin genannt wird. Relative Armut. Ich will darüber gar nicht jammern, oder Mitleid, oder sonst was. Ich möchte nur darüber reden. Weil es wichtig ist, und weil es so oft verschwiegen wird. Ich habe letztens mit einer Freundin darüber geredet, und festgestellt, dass ich Kleider vom Flohmarkt getragen habe, bevor es cool war. Weil meine Eltern es sich nicht leisten konnten, uns ständig neue Sachen zu kaufen. Und meine Sachen wurden auch in der Familie weitergereicht, für meine Geschwister und meine Cousin*en*s. Für mich war das normal, und ich hab das auch lange gar nicht hinterfragt. In letzter Zeit habe ich viele Texte über Klassismus gelesen, in denen es darum ging, dass es für Menschen aus der Mittelschicht/dem Bürgertum sowas wie eine selbstgewählte Armut gibt (also second hand ist cool), was teilweise mit einer Distanz von der eigenen Herkunft einhergeht, und dass Menschen aus der Arbeiter*innenklasse oft dafür gehatet werden, weil sie sich an Kleidernormen o.ä. anpassen. Armut muss eins sich eben auch leisten können.

Ich frage mich immer wieder, inwieweit mich Klassismus betrifft. Ich bin eine Person, die als „Aufsteigerin“ gilt, vor allem Bildungsaufsteigerin, und das hat ja grundsätzlich erstmal positive Konnotationen. Ich bin mir aber nicht so sicher, ob das alles so positiv ist. Bzw. wird über die negativen Seiten wenig geredet. Das ist allerdings nicht der Punkt, den ich gerade machen will. Es geht mir im Moment erstmal darum, mich mehr mit meiner eigenen Herkunft auseinanderzusetzen, und was das in dem Milieu bedeutet, in dem ich mich bewege. Das hat viel damit zu tun, wer ich eigentlich bin, und auch damit, inwieweit ich mich an das akademische Milieu anpassen möchte und auch kann. Und ob ich überhaupt dort bleiben möchte. Und warum wird es erwartet, dass ich mich anpasse, mit meiner Sprache und meiner Kleidung? Warum werde ich nicht ernst genommen, wenn ich mich so bewege, kleide, spreche, wie ich es immer getan habe? Ist das schon Klassismus? Gemischt mit Sexismus? Und dabei ist es doch schon so, dass es zwei Teile von mir gibt. Ich spreche mit meiner Familie anders als mit meinen Freund*innen und Kolleg*innen. In gewisser Weise habe ich mich schon angepasst. Oder anders entwickelt. Und das ist für mich mit widersprüchlichen Gefühlen verbunden. Es macht mich traurig zu wissen, dass meine Mutter mich manchmal nicht versteht und ich es nicht schaffe, so mit ihr zu reden, dass sie mich versteht. Und ich bin dankbar dafür, was Akademia mir eröffnet hat und wie es mir erlaubt hat, anders zu denken.

Im Moment kann ich nur viele Fragen stellen und keine Antworten geben. Weil ich sie (noch) nicht kenne. Sicher ist nur, dass ich immer wieder das Gefühl habe, dass ich dort, wo ich bin, nicht richtig hingehöre, und dort, wo ich herkomme, auch nicht (mehr). Ich plane, mich in den nächsten Wochen und Monaten mehr damit zu beschäftigen, und werde dann vermutlich auch mehr darüber schreiben.