„sonder“

n. the realization that each random passerby is living a life as vivid and complex as your own—populated with their own ambitions, friends, routines, worries and inherited craziness—an epic story that continues invisibly around you like an anthill sprawling deep underground, with elaborate passageways to thousands of other lives that you’ll never know existed, in which you might appear only once, as an extra sipping coffee in the background, as a blur of traffic passing on the highway, as a lighted window at dusk.“ [1]

 Frei übersetzt: das Bewusstwerden, dass jede*r Passant*in ein genauso lebendiges und komplexes Leben führt wie Du selbst – gefüllt mit eigenen Zielen, Freund*innen, Routinen, Sorgen und Verr*cktheiten – eine epische Geschichte, die unsichtbar um Dich herum geschieht wie ein Ameisenhaufen tief in der Erde, mit ausschweifenden Passagen zu tausenden anderen Leben, von denen Du nie wissen wirst, das sie existieren, in denen Du vielleicht nur einmal auftauchst, als eine Person, die im Hintergrund Kaffee trinkt, als vorbeiziehender Verkehr auf der Autobahn, als ein beleuchtetes Fenster in der Dämmerung.

In den letzten beiden Monaten habe ich sehr viel über mein eigenes Leben und Leiden nachgedacht und auch sehr viel darüber geredet. Viele meiner Freund*innen und engen Bezugspersonen im Alltag wissen ganz gut, was gerade bei mir los ist, und können einordnen, wenn ich schlecht gelaunt, traurig oder verwirrt bin. Sie sind dann in der Lage, Rücksicht zu nehmen oder sich in Achtsamkeit zu üben. Genauso ist es umgekehrt auch für mich bei meinen Freund*innen und Wegbegleiter*innen. Ich habe einen Einblick in ihr Leben bekommen, wenn auch nur einen kleinen, und kann darauf reagieren und ihnen mit Respekt begegnen.

Schon Anfang Januar habe ich mit einer Freundin darüber gesprochen, wie wenig wir dennoch über die Menschen um uns herum wissen. Zwar kann ich wissen, wie es einer*m Freund*in geht, aber das heißt noch lange nicht, dass andere Menschen das auch wissen. Andere Menschen können vielleicht nicht verstehen, warum Person A heute nicht so viele lustige Sprüche macht oder warum Person D heute so grantig ist. Das hat Folgen, meist wahrscheinlich sogar unterbewusst. Vielleicht fühl Person M sich beleidigt, weil Person D nicht freundlich zu ihr war, ohne zu wissen, dass D gerade seinen*ihren Job verloren hat. Vielleicht will Person S Person A aufmuntern und macht an ihrer*seiner Statt besonders viele Witze, ohne zu wissen, dass ein*e gute*r Freund*in von A vor vier Jahren gestorben ist und si*er gerade gar nicht in der Stimmjung ist, zu lachen und Witze zu machen.

Und manchmal trifft es mich dann wie ein Schlag, das oben beschriebene Gefühl von „sonder“. All diese Menschen – die*r Verkäufer*in an der Theke, die*r Prof, die*r Busfahrer*in, die Person, die am anderen Tisch sitzt und ein Bier trinkt -, die in meinem Leben nur Nebenrollen spielen, spielen in ihrem eigenen Leben genauso wie ich in meinem die Hauptrolle. Ihre Sorgen sind genauso groß und dringend wie meine, und ihre Freuden sind genauso schön und wichtig wie meine. Ich kenne sie nur nicht. Das wiederum bedeutet, dass die Welt so unendlich groß ist, gefüllt mit all diesen Gedanken und Gefühlen[2], und dass wir wirklich nichts wissen, von dem, was bei und in anderen Menschen passiert.

In diesem Zusammenhang ist mir, vielleicht gerade weil es mir selbst wirklich nicht gut ging die letzten Wochen, aufgefallen, dass wir in furchtbarer Art und Weise über andere Menschen sprechen.

„Der war wirklich schon ganz unten“

„Die mit ihren konservativen Vorstellungen vom Leben“

„Der hat echt keine Ahnung, wie xyz ist“

„Die war heute wieder so unsensibel“

Erschreckend finde ich daran, dass wir so schnell dabei sind, über andere Menschen zu urteilen. Ohne zu wissen, warum die Personen sich heute so oder so verhalten haben, oder sich in bestimmte Situationen immer so oder so verhalten. Ohne zu versuchen nachzuvollziehen, wie es den Personen vielleicht geht oder warum sie zu ihren Vorstellungen gekommen sind. Ein Satz wie „Der war wirklich schon ganz unten“ lässt sich leicht sagen und ist schnell wieder vergessen, aber wie es sich für die Person angefühlt hat „ganz unten“ zu sein, und welche Gefühle damit möglicherweise verbunden waren oder sind, das dringt gar nicht erst vor ins Bewusstsein. Das hat in der Erzählung keinen Platz und ist für einen Nebencharakter ja auch vollkommen unwichtig.

Natürlich können wir nicht immer versuchen zu verstehen, wie es allen anderen Menschen um uns herum geht. Dafür sind ihre und unsere Welten einfach zu groß.[3] Aber vielleicht könnten wir uns öfter in Erinnerung rufen, dass wir auch nur Nebencharaktere im Leben von anderen Menschen sind. Vielleicht könnten wir auch in unserer Sprache und unserem Urteil über andere Menschen achtsamer werden. Das würde doch die Welt schon ein wenig besser machen.

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[1] http://www.dictionaryofobscuresorrows.com/post/23536922667/sonder

[2] Also meine Gedanken x Millionen von Menschen = unendliche viele Kopf- und Gefühlswelten

[3] Ich bin ja nicht mal fähig, meine eigene Welt gut und umfassend zu verstehen. Wie soll ich da die Welt einer anderen Person verstehen können?

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Déjà-Vue

Vor ein paar Wochen gab es diesen einen Tag in meinem Leben, an dem ich dachte: Das passiert nur im Film. Das passiert allerdings auch in so vielen Filmen, dass es vielleicht kein Wunder ist, dass ich so dachte.

In Filmen ist es oft so, dass es eine*n Protagonist*in gibt, die Dinge* in ihrer Vergangenheit erlebt hat, die si*er am liebsten vergessen würde oder vor denen si*er davon läuft. Der Plot entwickelt sich, di*er Protagonist*in macht ihren*seinen Weg und wird unterwegs immer glücklicher und zufriedener, doch die Vergangenheit wabert schon am Horizont herum, um alles zu zerstören. In irgendeinem ganz ungünstigen Moment schlägt die Vergangenheit dann zu und di*er Protagonist*in wird, wie mensch so schön sagt, von der Vergangenheit eingeholt.

In meiner Vergangenheit gibt es zwar viele unschöne Dinge, aber ich dachte nicht, dass mir so etwas mal passieren würde. Das passiert ja tatsächlich nur im Film. Oder anderen Leuten. Mir nicht. (Ja ja, epic fail dieser Gedanke, ich weiß.) Ich ging also vollkommen unbedarft mit meiner Freundin B. ins Kino, um den zweiten Teil von Mockingjay zu sehen. Ich kannte außer B. keine Person, aber sie hatte noch andere Freund*innen dabei, mit denen sie häufiger ins Kino zu gehen schien. Die Menschen waren nicht so schnell darin, sich vorzustellen, und ich muss zugeben, dass ich mich auch nicht besonders angestrengt habe. Denn dann entdeckte ich T. Und dachte: „Oh je, das ist T. Nein, das kann gar nicht sein. Was sollte T. hier machen? Aber er hat sich in den letzten fünf (?) Jahren gar nicht verändert. Aber es ist total unlogisch, dass er jetzt hier vor Dir steht.“ So ging es ungefähr in meinem Kopf weiter, während ich versuchte, mit H. ein sinnvolles Gespräch über Alles steht Kopf zu führen.

Irgendwann setzten wir uns und T. saß in der Reihe direkt vor mir. Ich zögerte noch so ein bisschen rum, aber schlussendlich fragte ich ihn dann doch, ob er nicht T. sei und wir uns nicht vor fünf Jahren mal auf der anderen Seite Deutschlands kennen gelernt hätten. Er war genauso verwirrt und perplex wie ich. Aber ich hatte Recht. Und da war sie, meine Vergangenheit. Einfach so, aus dem Nichts, stand sie vor mir (in der Gestalt von T.) und ich hatte absolut nicht damit gerechnet und war in keinster Weise darauf vorbereitet.

Es war nicht so dramatisch wie in Filmen, denn es ist nichts an meinem heutigen Leben kaputt gegangen (zumindest war nicht die Begegnung mit T. Schuld daran), und es gibt nicht wirklich viel, was ich an diesem Teil meiner Vergangenheit noch bearbeiten müsste. Aber ins Denken hat es mich schon gebracht.

Warum?, fragt Ihr vielleicht. Tja. T. ist ein guter Freund von J., und ich habe T. auch über J. kennen gelernt. Ganz ehrlich habe ich T. nur einmal in meinem Leben getroffen und zwar vor fünf Jahren in einem Kino am anderen Ende von Deutschland und ich habe auch keine besondere Beziehung zu ihm aufgebaut. J. und ich hingegen waren sehr gut befreundet. Warum wir das nicht mehr sind, weiß ich nicht allzu genau, und die Geschichte drumherum und meine Gefühle dazu sind ausschweifend und kompliziert. Aber wir sind nicht mehr befreundet und J. hat mich damals* sehr tief verletzt. Ich komme über Freund*innenschaften, die mich so sehr verletzen, genauso schwer hinweg wie über Partner*innenschaften, deswegen war und ist es ein einschneidendes Erlebnis.

Die Begegnung mit T. hat mich kurz fragen lassen, ob ich nochmal mit J. Kontakt aufnehmen möchte. Mittlerweile kann ich diese Frage verneinen. Ich habe in den letzten Jahren (seit mehr als vier Jahren habe ich keinen Kontakt mehr zu J.) immer wieder darüber nachgedacht und bin immer wieder dazu zurück gekehrt. Aber wie sagt mensch so schön? Es gibt gute Gründe, warum Menschen aus dem eigenen Leben verschwinden (das ist heute noch genauso relevant wie damals, ha!) und es gibt auch gute Gründe, warum mensch diese Beziehungen nicht mehr aufleben lassen möchte/sollte. Deswegen kann ich dieses Erlebnis mit T. heute ganz gut einordnen. Es hat mich nochmal ans Nachdenken gebracht, aber ich habe jetzt auch das Gefühl, dass dieser Prozess mittlerweile abgeschlossen ist.

Und um den Bogen zu heute zu schlagen: Die Lektion, dass es gute Gründe gibt, warum Menschen gehen, ist immer noch relevant. Vielleicht versteht mensch es in dem Moment nicht, aber die Menschen, die gehen wollen, soll mensch ja bekanntlich ziehen lassen. Das ist schwierig und schmerzhaft, aber wenn sie zurückkommen wollen, dann werden sie es tun. Und wenn nicht, dann nicht. Dann kann ich auch das überleben.

Rückschau #4

Die letzte Woche war voll und turbulent. Das war von vornherein klar, und ich war darauf vorbereitet. Und obwohl es voll war, war es auch schön. Anfang der Woche habe ich, wie immer, gearbeitet. Da ich den Rest der Woche frei hatte, ließ es sich leider nicht vermeiden, an zwei Tagen wenigstens ein bisschen zu arbeiten.

Am Freitag habe ich passend zu meinem Leben diesen Artikel zur Abschaffung der Ehe gelesen, dem ich voll und ganz zustimme. Wie der Artikel ganz wunderbar erläutert, gibt es in unserem Staat keine Möglichkeit, Verantwortung für Menschen zu übernehmen (seien es nun Partner*innen oder Mitbewohner*innen oder Freund*innen). Die einzige Möglichkeit ist die Ehe (und Adoption), und mensch muss mit dem arbeiten, was ihm*ihr zur Verfügung steht. Ich bin also immer noch gegen die Institution Ehe und gegen die beharrliche Verweigerung des Staates, etwas Anderes als die Hetero-Ehe anbzuerkennen. Warum kann ich keine legale Verantwortung für meine Mitbewohner*innen übernehmen? Warum gibt es keine Möglichkeit, mit den Menschen, mit denen ich wohne, eine legale Gemeinschaft zu bilden, die gemeinsam lebt und wirtschaftet und damit auch ähnliche Vorteile bekommt wie eine Ehepartnerschaft? Warum gibt es für Menschen, die einander lieben, keine legale Sicherheit ihr Leben zusammen verbringen zu können, außer wenn sie verheiratet sind? Warum gibt es keine Anerkennung für Beziehungsmodelle abseits der Heteronormativität? All das erschließt sich mir nicht.

Am Freitag war auch die Jubiläumsfeier des IMIS und die Absolvent*innenfeier von L. Ich habe fotografiert, Sekt getrunken und Torte gegessen. Das war ziemlich famos. Aber es gab auch sehr viele Reden, mindestens eine davon war zu lang, der Beitrag der Studierenden wurde natürlich in der Prsse überhaupt nicht erwähnt, obwohl wir eine Aktion gegen die Asylrechtsverschärfung gestartet haben, aber das war vielleicht auch zu erwarten.

Am Samstag gab es eine Soliparty, auf die wir alle ganz wunderbar solidarisch gegangen sind. Solidarisch haben wir uns auch T-Shirts besorgt und für Bier musste ich nichts zahlen, weil. Es gab gute Gründe oder so. Um Mitternacht hat S. Sekt besorgt und ich habe mit meinen Mitbewohner*innen angestoßen auf das Leben. Tanzend. Mit Sekt. Und ganz viel Liebe. Die Musik war ziemlich ziemlich genial, vor allem die beiden Ska-Bands waren hübsch und haben ganz tanzbare Musik gemacht. Es war wirklich ehrlich ein toller Abend mit tollen Menschen, schönen Gesprächen und lustigen Momenten.

Sonntag hatte ich ja dann Geburtstag. In der WG gab es ein großes, ausgedehntes, saugeiles Frühstück mit Überraschungsgast. Es gab Blumen, und Geschenke, selbstgebackenen veganen Schokokuchen, Geburtstagslieder und die interessante niederländische Tradition, das Geburtstagskind auf einem Stuhl tatsächlich hochleben zu lassen. Ich habe wieder einmal gemerkt, dass ich in einer wundervollen und sehr heilsamen WG wohne. Diese Menschen sind toll und voller Liebe und manchmal weiß ich auch nicht, wie ich dahin gekommen bin. Es tut auf jeden Fall sehr gut. Danach war ich bei meinen Eltern, wo es noch mehr Kuchen und noch mehr Geschenke gab. Es war vergleichsweise anstrengend, was aber eventuell zu erwarten gewesen wäre. D. war nicht dabei, was es mir ein bisschen schwerer gemacht hat, glaube ich. Jetzt bin ich wieder zuhause, heute Morgen hatte ich einen inhaltlich interessanten aber didaktisch schlecht durchgeführten Workshop, der weiter entwickelt werden soll, was ich sehr sehr spannend finde. Mal schauen, wie sich das alles so entwickelt. Uiuiui.

Jetzt lege ich mich lieber hin, bevor ich heute Abend wieder arbeiten muss. Gute Nacht!

Rückschau #1

Offensichtlich schaffe ich es nicht, einmal pro Woche etwas Kluges zu schreiben. Na ja. Vielleicht liegt es auch daran, dass so viele andere Dinge passiert sind, zu denen ich mir Gedanken machen und auf die ich irgendwie reagieren musste. Nun ist alles etwas ruhiger. Dinge sind organisiert. Und ich bin irgendwie entspannter. Weiter im Text! Ich habe beschlossen, also nur so eine wöchentliche Rückschau zu machen. Vielleicht bekomme ich das ja hin! Und Montag scheint mir dafür gerade ein ganz guter Tag. Da fängt die neue Woche quasi gerade frisch an und die Wochenenden sind in diesem Monat so… voll.

Letzte Woche war ich für vier Übernachtungen im Kloster in Südholstein. Aklles war aus, Handy, Laptop, Kopf. Das war ziemlich gut und wichtig. Ich glaube, ich bin da sehr ruhig geworden und habe mir ziemlich erfolgreich bewusst gemacht, dass das Leben nicht nur aus Arbeit und Uni bestehen kann. Mir sind da einige kluge Gedanken gekommen, die ich hier nicht alle aufführen will/muss, aber es hat echt gut getan. Es gab Schafe, und Rinder, und Rehe. Viel Wald und Natur und eine übelst tolle Schaukel, die ich ganz alleine benutzt habe. Vielleicht weil alle Anderen sich zu alt dafür gefühlt haben. Ich habe auch ein bisschen gegärtnert (wir können es auch Unkraut jäten nennen) und festgestellt, dass das eine ganz schön anstrengende Tätigkeit ist. Oh je!

Am Freitag kam ich zurück und weil ich D. jetzt nun schon ein Jahr kenne (uhuh!) waren wir nett was essen. Leider ist hier gerade so eine Stadtkirmes, die super laut und super anstrengend ist. Überall gibt es eigentlich nur betrunkene Menschen aller Altersklassen. Wir saßen draußen, weil das Wetter so toll war, deswegen konnten wir die Menschen sehr gut beobachten. Ich hatte veganes Bla und es war superb. Ich bin immer wieder begeistert von diesem Laden, obwohl der Service schlecht ist. Das Essen ist kolossal gut. Jedenfalls musste ich den Rest des Wochenendes arbeiten, das war nicht so spannend, halt so wie immer. Aber weil meine Laune irgendwie besser war und bester Kollege F. am Start war, war alles nur halb so schlimm!

Abgesehen davon habe ich das Wochenende nur für schöne Dinge genutzt. Ich habe jetzt eine neue Frise (wie mensch heute so schön sagt), das heißt endlich ist die Wolle ab!, und ich war auf dem Markt und habe meine Birnen geschenkt bekommen und ich war spazieren und im Schloßgarten rumliegen (die ganze WG war am Start, voll fett!) und habe mit L. telefoniert. Alles war schön. Die Sonne scheint übrigens auch, es kann also eigentlich nur schön bleiben.

Eine tolle Woche an Euch und so weiter!