Gewaltfreie Kommunikation

Ich habe es ja in meinem letzten Beitrag schon erwähnt: Ich habe in den letzten Wochen drei Bücher über Gewaltfreie Kommunikation (kurz GFK) gelesen, darunter das Hauptwerk von Marshall Rosenberg.

In meiner eigenen Reflexion habe ich bemerkt, dass mich Elemente der GFK schon seit Jahren begleiten. Ein Hauptanliegen ist die Unterschiedung von Beobachtung und Bewertung und GFK ist ein Plädoyer dafür, die eigenen Handlungen und die Handlungen anderer Menschen zunächst zu beobachten, ohne sie zu bewerten, und sich dann auf die eigenen Gefühle und Bedürfnisse zu konzentrieren. In meiner Vorbereitung auf meinen Freiwilligendienst in Jerusalem hat eine unserer Teamerinnen versucht, uns dieses Thema näher zu bringen. Dies geschah vor allem im Kontext von Interkultureller Kommunikation. Ich erinnere mich noch sehr genau an ihre Erklärungen und vor allem den erwähnten Grundsatz der Trennung von Beobachtung und Bewertung. Ich erinnere mich auch, dass ich das damals für ehrenhaft, aber praktisch unmöglich hielt.

In den letzten Jahren ist mir durch mein Masterstudium und die immer wiederkehrende Beschäftigung mit Schule aufgefallen, dass uns das Bewerten sogar beigebracht werden soll. Ein erklärtes Ziel von Schulcurricula ist es, Schüler*innen das Bewerten von Informationen beizubringen. Aber die Schule ist nicht der einzige Ort, an dem bewertet wird. Mittlerweile ist mir klar geworden, dass wir ständig bewerten in unserem Alltag: uns selbst, alle Anderen um uns herum, Unbekannte in unserem Umfeld, Unbekannte weit weg. Bewertung ist von dem Verständnis für andere Menschen sehr weit entfernt.

Im Kontext dieser Gedanken ist mir noch etwas Anderes aufgefallen, das mich seit meinem Freiwilligendienst in Kaunas begleitet. Zu der Zeit habe ich in einem Flüchtlingszentrum gearbeitet, in dem vor allem Tschetschen*innen gewohnt haben, und mit denen ich vorwiegend in Kontakt war. In dieser Zeit habe ich mich viel mit dem Russisch-Tschetschenischen Konflikt beschäftigt und auch mit den sogenannten Schwarzen Witwen. Dabei handelt es sich um Selbstmordattentäterinnen, die von tschetschenischen terroristisch Gruppen rekrutiert wurden, und deren Familien und Ehemänner meist vom russischen Militär ermordet wurden. Ich habe immer mal wieder gesagt, dass ich verstehen kann, warum sie Selbstmordattentate begehen und wurde dafür immer wieder angegriffen. Dabei habe ich diese nie und tue das auch heute nicht gut geheißen. Ich unterstütze diese Frauen und diese Praktiken nicht, aber ich verstehe die Beweggründe, die Menschen dazu bringen können, sich rekrutieren zu lassen. Heute weiß ich, durch die Beschäftigung mit GFK, dass es sich dabei schon um ein empathisches Verstehen gehandelt hat. Dass Verstehen nicht gleich Befürworten oder Unterstützen ist, war mir schon damals klar, und diesen Eindruck hat die GFK nur bestätigt.

In den letzten Wochen und Monaten ist mir immer wieder bewusst geworden, wie stark gewaltvoll wir uns anderen Menschen gegenüber verhalten. Wie schnell wir urteilen und angreifen, uns im Recht fühlen, andere schlechter machen, usw. Mir ist das in den letzten zwei Jahren immer mal wieder aufgefallen, aber Anfang diesen Jahres in einer noch größeren Intensität, und auch vermehrt in meinem eigenen Verhalten.

Und ich möchte so nicht sein.

Mir ist bewusst, dass ich das Urteilen gelernt habe, und es in mir drin steckt. Und ich weiß auch, dass ich anderen Menschen so nicht mehr begegnen möchte. Ich möchte Verständnis und Respekt von Anderen, und möchte ihnen das auch geben. Die GFK hat mir geholfen, mir das bewusst zu machen und mich damit auseinanderzusetzen. Es ist kein leichter Prozess, ich stoße jeden Tag an meine Grenzen. Gleichzeitig lerne ich jeden Tag etwas Neues, oder bin stolz auf mich, weil ich etwas neu reflektiert habe. Außerdem hat die GFK mir geholfen, meine eigenen Bedürfnisse besser zu erkennen und meine Gefühle zu verstehen. Was ich mit diesem Wissen genau mache, das weiß ich noch nicht. Ich bin allerdings zuversichtlich, dass es mir helfen wird, mein Leben so zu gestalten, dass ich mich darin wohler und zufriedener fühle.

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Alltagsnarrative

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Ich beschäftige mich wissenschaftlich mit Narrativen und ihrer Konstruiertheit. Mir ist klar, dass wir alle immer wieder Narrative über uns selbst und die Welt produzieren. Daran gibt es auch nichts zu meckern, das ist Teil der Identitätsbildung- oder stärkung. Narrative können sich ändern im Leben und vergangene Ereignisse werden gerne an aktuelle Narrative angepasst. Alles keine Frage.

Vor ein paar Tagen traf ich mich mit einer Freundin, die mir von einem Päarchen in ihrer Umgebung erzählte, die gerade mit ziemlichen administrativen Schwierigkeiten zu kämpfen haben. (Der genaue Kontext ist in diesem Fall egal.) Und dann hat sie dieses Päarchen mit D. und mir verglichen und betont, wieviel schwerer die beiden es doch haben.

Ganz abgesehen davon, dass es schwierig zu messen ist, wer es schwerer hat im Leben und ich hier auch keinen Wettbewerb aufmachen möchte, und dass es sogar ziemlich wahrscheinlich ist, DASS die beiden es gerade schwerer haben, war ich doch sehr überrascht, mit welcher Leichtigkeit meine Freundin unsere Geschichte abtat. Vielleicht war es auch verletzter Stolz oder das Gefühl des Nicht-gesehen-werdens meiner Geschichte, weswegen ich zunächst verletzt davon war. Abseits davon konnte ich B.s Aussage aber auch gar nicht einordnen.

Bis mir dann schließlich klar wurde, dass B. und ich andere Versionen derselben Geschichte kennen. Ich brüste mich damit, die GANZE Geschichte zu kennen, die ich aber offensichtlich nicht mit B. geteilt habe. Das ist mir aber erst aufgefallen, als mir bewusst wurde, dass wir andere Narrative meiner und D.s Geschichte im Kopf haben. Und erst dann wurde mir so richtig bewusst, dass die Menschen ein gewisses Bild von mir haben, was von einer bestimmten Geschichte abhängig ist. Dieses Bild kann ich teilweise kontrollieren, bewusst oder unbewusst, dadurch, was ich über mein Leben preisgebe. Es wird aber auch dadurch geprägt, wie ich mich verhalte und welche Aussagen ich teffe. Und dann gleitet mir dieses Bild wieder aus der Hand.

Es war mir schon vorher klar, dass ich das Bild, das andere Menschen von mir haben, nicht alleine beeinflussen oder hundertprozentig kontrollieren kann. Das war auch nie mein Anspruch. Aber so direkt zu erleben, wie gewisse Informationen das Bild von mir beeinflussen, und mich dieses Bild dann irgendwann zurück anblickt, das war mindestens irritierend.

Linkschau #11

Woop woop! Gedanken anderer Menschen und so. Weil alle meine Gedanken in die Masterarbeit fließen…

Houssam Hamade schreibt in der taz über die Linke und die dortige Rezeption des Islams (Spoiler Alert: Kritik am Islam ist meist nur eine Bestätigung rassistischer Diskurse).

Your Fat Friend schreibt über Körperbilder und Fett. [Englisch]

In der Zeit Campus schreiben drei Autor*innen über die neue radikallinke Bewegung und ihre Kritik an der Gesellschaft, in der wir leben.

Eva Marie Kogel schreibt in der Welt über (sexuelle) Gewalt an Frauen in Syrien. [TW: Vergewaltigung, Folter, Gewalt]

In der Jungle World schreibt Sebastian Weiermann über die Notwendigkeit innerhalb der Linken, sich wieder mit Arbeit zu beschäftigen.

Hannah Witton hat auf youtube eine neue Kolumne gestartet, in der sie von ihrem Weg weg von der Pille erzählt. Bisher gibt es eine Folge. [Englisch]

Bei ustandslo schreibt Frau Taugewas über die Beziehung zu ihrem Kind und den Begriff „Wunschkind„.

Mirna Funk gibt bei der Zeit einen Einblick in das Leben jüdischer Menschen in Deutschland.

Bei der taz schreibt Hülya Gürler über den Streit in Berlin über ein Mahnmal für die Opfer des Massakers von Dersim in der Türkei.

Jan Werkener schreibt im Tagesspiegel über den Horror, der sich in geheimen Gruppen bei facebook auftut, in denen Menschen laufen rechte Straftaten begehen, die nach momentanem Stand nicht verfolgt werden können.

Und zum Abschluss zwei Videos: Nerdwriter erzählt von der Truman Show und was sie uns über Politik lehren kann (never accept the world). [Englisch] Und Rosianna spricht über Körperbilder bei Erwachsenen. [Englisch]

Vorbildfunktion

Heute ist es schon wieder passiert. An einer Ampel wurde ich beschimpft, weil ich bei Rot die Straße überquert habe. Hinter/neben mir murmelte jemensch etwas von „Vorbild“.

Das ist mir schon mal passiert. Ich wollte auch mal darüber schreiben, kann aber dieses Jahr dazu keinen Beitrag finden und bin mir ziemlich sicher, dass das letzte Mal auch dieses Jahr war. Das letzte Mal hat mich eine Frau auf dem Rad beim Vorbeifahren beschimpft, was für ein schlechtes Vorbild ich wäre.

Erstens: Ich bin kein Vorbild. Nicht für Euch, nicht für Eure Kinder. Ich habe nicht darum gebeten, Ihr habt mich nicht gefragt, ich habe mich nicht bereit gestellt. Ich würde nicht behaupten, dass eins mir einfach ohne nachzudenken nachmachen sollte, was ich tue.

Zweitens: Sind alle Menschen auf der Straße Vorbilder? Ich bezweifle stark, dass Ihr ALLE Menschen auf der Straße als Vorbilder sehen würdet. Warum ich? Sehe ich vielleicht wie ein Vorbild aus, und verhalte mich dann nicht so? Das tut mir gar nicht Leid, denn wie gesagt: Erstens.

Drittens: Ich bin ein verantwortungsvolles Mitglied dieser Gesellschaft. Zumindest soweit ich das beurteilen kann. Ich gehe zwar bei Rot über Ampeln, aber ich schaue immer links und rechts, wie ich es im Kindergarten gelernt habe. Ich gehe nicht einfach drauf los oder rücksichtslos über die Straße. Ich passe auf mich auf, und auf die Menschen (sei es auf Rädern oder in Autos) um mich herum auch.

Ich finde, das fasst es ganz gut zusammen. Vielleicht sind die Leute auch genervt, weil sie gelangweilt an der Ampel stehen, seit fünf Minuten kein Auto gekommen ist und sie sich trotzdem nicht trauen, die Straße zu überqueren. Das würde auf jeden Fall auch einiges erklären.

2016 IV/…

Es gibt Tage, wie heute, an denen ich morgens arbeiten muss, und dann bedarf es erstmal eines ordentlichen Mittagessens, eines Kaffees, Yoga, und ein bisschen Entspannung, bis ich mich überhaupt wieder an den Schreibtisch setzen kann. Ich ließ mir sagen, oder vielleicht sage ich es mir auch nur selbst, dass das normal ist.

Wie gesagt gibt es mehrere Themen, über die ich irgendwie immer mal wieder schreiben wollte, und die mir so im Kopf rumschwirren, und heute ist so ein Tag, an dem ich vielleicht mal damit anfange, diese Gedanken niederzuschreiben.

Es gibt diese sehr untauglichen Sprüche oder Redwendungen, dass mensch nur geliebt werden kann wenn mensch sich selbst liebt. Dieser Spruch hat sehr viele problematische Implikationen. Die ganz offensichtliche ist nur eine davon. [1]   Der Spruch schließt aber auch Menschen aus, die ein problematisches Bild von sich selbst haben, zum Beispiel aufgrund von psychischen Krankheiten. Diesen Menschen soll also verwehrt sein, Liebe zu erfahren? Bullshit.

Ich bin der Meinung, dass jeder Mensch verdient, geliebt zu werden und auch Liebe erfahren kann, ganz unabhängig davon, ob sie*er sich selbst liebt oder wieviel sie*er sich selbst liebt. Ich wurde auch geliebt, als ich mich selbst ziemlich scheiße fand und als ich Depressionen hatte und ich find mich heute manchmal immer noch ziemlich scheiße. Das ist auch normal. Kein Mensch kann sich selbst immer lieben, genauso wenig wie kein Mensch einen anderen Menschen immer lieben kann. [2]

Die letzten Monate habe ich sehr viel über mich selbst gelernt. Ich habe viel reflektiert über mich und die Vergangenheit und dieser Prozess wird auch lange nicht abgeschlossen sein. Ich bin mittlerweile an einem Punkt, wo ich mich selber immer wieder hinterfrage und auch die Erwartungen, die ich an andere Menschen richte. Sind diese Erwartungen gerechtfertigt? Was für ein Bedürfnis steckt dahinter? Welche Bedürfnisse hat die andere Person? Welche Erwartungen hat die andere Person? Werden diese geäußert?

Ich lerne mehr und mehr, meine eigenen Bedürfnisse auszusprechen. Und meine Erwartungen zu hinterfragen. Das Bedürfnisse aussprechen hilft total in der Kommunikation mit Anderen. Und das Erwartungen hinterfragen hilft total im Umgang mit mir selbst. Und auch in der Akzeptanz meiner selbst.

Ich würde nicht behaupten, dass ich mich mehr liebe als früher. Ich würde eher sagen, dass ich gelernt habe, besser zu mir zu sein und mich selbst auch so sein zu lassen, wie ich bin. Mit den Erwartungen (die ungerechtfertigt sein mögen), und den Ängsten und den Zweifeln. Und dass ich gelernt habe, besser zu Anderen zu sein. Ihre Bedürfnisse eher wahrzunehmen und zu akzeptieren und nicht nur zu verlangen, dass meine Bedürfnisse erfüllt werden mögen, egal was die andere Person gerade will.

Ich würde auch nicht behaupten, dass ich jetzt mehr Liebe verdient habe oder mehr Liebe bekomme. Ich merke hingegen, dass ich die Liebe, die mir gegeben wird, leichter und besser annehmen kann, und dass ich selber mehr und freier lieben kann. Insofern hat der Spruch oben für mich nicht mehr Wahrheit als vorher, und auch nicht mehr Relevanz. Ich finde eher, dass Liebe leichter fällt, wenn mensch auch gut zu sich selbst sein kann. Ob das universell [3] so ist, sei mal dahin gestellt.


 

[1] Also die Tatsache, dass mensch nur geliebt werden kann oder verdient, geliebt zu werden, wenn mensch sich selbst liebt. Also. Bitte. Wer denkt sich denn sowas aus?
[2] Was sollen auch eigentlich diese ultimativen Aussagen? Wissen wir nicht bereits, dass nichts ultimativ und immer und nie ist?
[3] ;)