Alltagsnarrative

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Ich beschäftige mich wissenschaftlich mit Narrativen und ihrer Konstruiertheit. Mir ist klar, dass wir alle immer wieder Narrative über uns selbst und die Welt produzieren. Daran gibt es auch nichts zu meckern, das ist Teil der Identitätsbildung- oder stärkung. Narrative können sich ändern im Leben und vergangene Ereignisse werden gerne an aktuelle Narrative angepasst. Alles keine Frage.

Vor ein paar Tagen traf ich mich mit einer Freundin, die mir von einem Päarchen in ihrer Umgebung erzählte, die gerade mit ziemlichen administrativen Schwierigkeiten zu kämpfen haben. (Der genaue Kontext ist in diesem Fall egal.) Und dann hat sie dieses Päarchen mit D. und mir verglichen und betont, wieviel schwerer die beiden es doch haben.

Ganz abgesehen davon, dass es schwierig zu messen ist, wer es schwerer hat im Leben und ich hier auch keinen Wettbewerb aufmachen möchte, und dass es sogar ziemlich wahrscheinlich ist, DASS die beiden es gerade schwerer haben, war ich doch sehr überrascht, mit welcher Leichtigkeit meine Freundin unsere Geschichte abtat. Vielleicht war es auch verletzter Stolz oder das Gefühl des Nicht-gesehen-werdens meiner Geschichte, weswegen ich zunächst verletzt davon war. Abseits davon konnte ich B.s Aussage aber auch gar nicht einordnen.

Bis mir dann schließlich klar wurde, dass B. und ich andere Versionen derselben Geschichte kennen. Ich brüste mich damit, die GANZE Geschichte zu kennen, die ich aber offensichtlich nicht mit B. geteilt habe. Das ist mir aber erst aufgefallen, als mir bewusst wurde, dass wir andere Narrative meiner und D.s Geschichte im Kopf haben. Und erst dann wurde mir so richtig bewusst, dass die Menschen ein gewisses Bild von mir haben, was von einer bestimmten Geschichte abhängig ist. Dieses Bild kann ich teilweise kontrollieren, bewusst oder unbewusst, dadurch, was ich über mein Leben preisgebe. Es wird aber auch dadurch geprägt, wie ich mich verhalte und welche Aussagen ich teffe. Und dann gleitet mir dieses Bild wieder aus der Hand.

Es war mir schon vorher klar, dass ich das Bild, das andere Menschen von mir haben, nicht alleine beeinflussen oder hundertprozentig kontrollieren kann. Das war auch nie mein Anspruch. Aber so direkt zu erleben, wie gewisse Informationen das Bild von mir beeinflussen, und mich dieses Bild dann irgendwann zurück anblickt, das war mindestens irritierend.

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