2016 V/…

Ich habe dieses Jahr schon zwei Mal „All about Love: New Visions“ von bell hooks gelesen Weil es ein gutes Buch ist, gut geschrieben und weil es mir geholfen hat, eine neue Perspektive einzunehmen zu mir selbst und zu Liebe. Jetzt lese ich gerade „Communion: The Female Search for Love“, auch von bell hooks. Es ist anders, weil es einen anderen Fokus hat, und gibt nochmal eine ganz neue Perspektive auf Liebe. Und heute hatte ich eine Erkenntnis, die ziemlich schockierend für mich war.

In Kapitel Sieben „Choosing and learning to love“ (sich entscheiden und lernen zu lieben) kritisiert hooks vor allem die sexistische Vorstellung, dass Frauen besser lieben könnten oder natürliche Kümmererinnen sind im Gegensatz zu Männern. hooks vertritt stattdessen die Meinung, dass alle Menschen gleich gut lieben und sich um andere Menschen kümmern könnten, es Frauen in ihrer Sozialisation aber nahe gelegt wird, diese emotionalen Fähigkeiten zu erlenen. Männlichkeit beruht in sexistischer und patriarchaler Sozialisation jedoch darauf, keine Gefühle zu zeigen. hooks kritisiert auch, dass dennoch viele Frauen denken, sie könnten (besser) lieben und die Probleme lägen bei den Männern, die keine Gefühle zeigen können oder wollen. Sie beschreibt dann ihren eigenen Prozess, in dem sie erkannt hat, dass sie selber gar nicht genau weiß, wie sie lieben soll und was dafür nötig ist.

An dieser Stelle ist mir aufgefallen, dass ich nach einem ähnlichen Schema verfahren bin in meinem Leben wie bell hooks. Ich habe mir sehr oft Männer gesucht, die emotional nicht erreichbar waren oder nicht über ihre Gefühle reden konnten oder wollten. Dafür haben sie alle meine Autonomie und meine eigene Entwicklung unterstützt.[1] Und irgendwann war ich frustriert in diesen Beziehungen, weil ich nicht die Liebe bekommen habe, die ich brauchte. Aber, so dachte ich, das liegt nicht an mir, denn ich kann ja über meine Gefühle reden.

Ja, ich kann über meine Gefühle reden.[2] Aber ich bin sehr schlecht darin, meine Wünsche und Bedürfnisse auszudrücken. Das habe ich jetzt schon einige Wochen und Monate immer wieder gemerkt. Ich bin schlecht darin. Aus Angst. Angst vor der eigenen Verletzlichkeit. Angst vor Zurückweisung. Angst davor, eine Last zu sein. Und wo Angst ist, kann keine Liebe sein (sagt bell hooks). Meistens warte ich, bis ich mich so sehr quäle und alles so schwer auszuhalten ist, bis ich mal über meine Gefühle rede. Und auch dann ist es einfacher, über meine Frustration, und Wut, und Ärger zu reden als über meine Bedürfnisse und Wünsche.

bell hooks argumentiert, dass sich viele Frauen, die sich nach Liebe sehnen, Männer suchen, die emotional nicht erreichbar sind oder nicht über ihre Gefühle reden können/wollen. WEIL es den Frauen dann auch erspart bleibt, über ihre eigenen Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse zu reden. Es ist der einfache Weg. Der, der kein Risiko bedeutet. Kein leap of faith. Keinen Mut. Und gleichzeitig erlaubt es dieser Weg, nicht über die eigenen Gefühle zu reden und selber nicht zu lieben.

Das bin ich. Ich bin diese Frau, die sich diese Männer sucht, und es sich dann in einer Ecke gemütlich macht, in der sie ihr Ding machen und nicht über ihre eigenen Gefühle reden und keinen Mut aufbringen muss. Die bin ich. Und gleichzeitig sehne ich mich nach Liebe. Die bin ich auch. Und dann, wenn die Liebe nicht kommt, dann gehe ich. Auch die bin ich. I am a quitter in love. Ich bin selber nicht bereit, über mich selbst hinaus zu wachsen und offen und ehrlich über meine Bedürfnisse zu reden, aber ich erwarte es von den Männern in meinem Leben, ohne mit ihnen darüber zu reden. Herzlichen Glückwunsch Anna. So funktioniert es bestimmt wunderbar.

Jetzt ist das erste Mal, dass ich dabei bleibe. Dass ich merke, dass ich schlecht darin bin, ehrlich zu sein. Zu mir selbst, und zu D. Dass ich bereit bin, an mir selbst zu arbeiten, gut zu mir zu sein und mutig zu werden. Der Gedanke, dass Gehen einfacher wäre, ist da. Aber einfacher heißt nicht besser, und einfacher heißt auch nicht glücklicher. Und niemand hat gesagt, dass es einfach wäre, zu lernen zu lieben.

[1] Was ich auch nach wie vor sehr sichtig finde und meiner Meinung nach ein Teil einer guten Partnerschaft sein sollte.

[2] Ich kann tendenziell noch besser darüber schreiben als reden, aber das sei hier mal außen vor gelassen.

Linkschau #10

Es haben sich sehr viele Links (Artikel und Talks) angesammelt, weil ich immer wieder nur auf Merken geklickt habe und keine Zeit hatte, um mich hinzusetzen, und einen Beitrag zu schreiben. Aber jetzt! Heute Abend habe ich mehr Zeit für mich selbst und deswegen endlich auch mal wieder Muße, um mit Euch zu teilen, was mich beschäftigt hat. Zugegebenermaßen bleibe ich dem Internet und Nachrichten gerade relativ fern (einerseits weil ich nach Stunden in der Bib vor dem Rechner keine Lust mehr habe am Computer zu sitzen und andererseits, weil eh nichts Gutes passiert).

Halina Wawzyniak schreibt über die Probleme mit dem neuen Sexualstrafrecht und was es eigentlich genau sagt.

Jamila Raqib erzählt in ihrem TedTalk, was es braucht, damit auch gewaltfreier Widerstand funktioniert und dass dieser nicht unbedingt einfacher ist als anderer Widerstand, sondern sogar genau so viel wenn nicht mehr Organisation braucht. [Englisch]

In der taz schreibt Laila Oudray, warum sie nicht nur über Migration schreiben möchte, und es dennoch manchmal tut. Dabei sagt sie einiges über unsere Gesellschaft.

Gabriele Boos-Niazy erklärt beim Migazin das deutsche Recht und warum jetzt nicht die Scharia in Deutschland eingeführt wird.

Bei umstandslos schreibt Cornelia übers Gebären und die verschiedenen möglichen Stellungen.

Tove Tovesson schreibt im Missy Magazine über das Trans-Sein in einer transfeindlichen Welt.

Und damit es nicht zu viel zu lesen wird, gibt es noch zwei youtube-Videos. Einmal zeigt Sidney Frenz, welchen Scheiß weiße Deutsche zu Schwarzen Deutschen sagen. Und dann wird Hadnet Tesfai zu ihrem Schwarz-Sein in Deutschland interviewt.

Sehr spannend erklärt hier Cutcha Risling Baldy, warum sie The Walking Dead als ein Beispiel benutzt, um über den Mord an den Native Americans zu sprechen. [auf Englisch]

Im Migazin schreibt Birol Kocaman darüber, warum wir den rechten Terror in München auch so und nicht Amoklauf nennen sollten.

Noch ein TedTalk, für alle, die nicht mehr lesen wollen: Isaac Marion erzählt uns, warum wir die Apokalypse brauchen und was dabei Gutes für unsere Gesellschaft passieren kann. [Englisch]

Hier gibt es Kunst, die traditionelle Blumenkränze aus Polen reproduziert. Wirklich schöne Bilder! (Und wenig zu lesen.) [auf Englisch]

kaptainkristian erzählt was über den Anime FLCL, den ich selber nicht gesehen habe. Klingt aber so, als sollte ich den mal sehen. [auf Englisch]

Kübra Gümüşay erklärt, warum sie nicht zu immer sofort eine Meinung hat und auch nicht haben will.

Und Gavin Aung Than, oder auch ZenPencils, macht einen Comic über Dinge, die Väter/Eltern so denken. [auf Englisch]

Und das war’s. Puh! DAs nächste Mal wieder eher, damit es nicht so anstrengend wird.