Vorbildfunktion

Heute ist es schon wieder passiert. An einer Ampel wurde ich beschimpft, weil ich bei Rot die Straße überquert habe. Hinter/neben mir murmelte jemensch etwas von „Vorbild“.

Das ist mir schon mal passiert. Ich wollte auch mal darüber schreiben, kann aber dieses Jahr dazu keinen Beitrag finden und bin mir ziemlich sicher, dass das letzte Mal auch dieses Jahr war. Das letzte Mal hat mich eine Frau auf dem Rad beim Vorbeifahren beschimpft, was für ein schlechtes Vorbild ich wäre.

Erstens: Ich bin kein Vorbild. Nicht für Euch, nicht für Eure Kinder. Ich habe nicht darum gebeten, Ihr habt mich nicht gefragt, ich habe mich nicht bereit gestellt. Ich würde nicht behaupten, dass eins mir einfach ohne nachzudenken nachmachen sollte, was ich tue.

Zweitens: Sind alle Menschen auf der Straße Vorbilder? Ich bezweifle stark, dass Ihr ALLE Menschen auf der Straße als Vorbilder sehen würdet. Warum ich? Sehe ich vielleicht wie ein Vorbild aus, und verhalte mich dann nicht so? Das tut mir gar nicht Leid, denn wie gesagt: Erstens.

Drittens: Ich bin ein verantwortungsvolles Mitglied dieser Gesellschaft. Zumindest soweit ich das beurteilen kann. Ich gehe zwar bei Rot über Ampeln, aber ich schaue immer links und rechts, wie ich es im Kindergarten gelernt habe. Ich gehe nicht einfach drauf los oder rücksichtslos über die Straße. Ich passe auf mich auf, und auf die Menschen (sei es auf Rädern oder in Autos) um mich herum auch.

Ich finde, das fasst es ganz gut zusammen. Vielleicht sind die Leute auch genervt, weil sie gelangweilt an der Ampel stehen, seit fünf Minuten kein Auto gekommen ist und sie sich trotzdem nicht trauen, die Straße zu überqueren. Das würde auf jeden Fall auch einiges erklären.

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7 Gedanken zu “Vorbildfunktion

  1. Ich halte es an dieser Stelle gerne mit SALTATIO MORTIS:
    Als Idol oder als Vorbild
    eigne ich mich nicht!
    Und weil wir grad dabei sind:
    Hast du mich je gefragt,
    ob ich dein Vorbild werden will?
    Ich hätte nein gesagt!

    Vorbilder sind oft genug auch nur deshalb Vorbilder, weil wir aus x-beliebigen Menschen genau das machen, was das Wort schon sagt: ein Bild. Wir pressen ihre Vorzüge in eine Form und kehren dabei alles, was vielleicht nicht so gut ist, gerne mal unter den Teppich.

  2. Also wir haben uns mit 15, auch noch rotzbesoffen gegenseitig „Kindermörder_in“ hinterhergerufen, wenn ein mitglied der gruppe vor kinderaugen die straße bei rot überquerte, oder ohne ampel knapp vor den autos.
    Da haben wir in diesem zustand und alter mehr von der gesellschaft und von verhaltens-und entwicklungspsychologie verstanden, als du.
    Kinder filtern nicht, die ganze gesellschaft ist ihnen vorbild, gutes und schlechtes. Wenn du sagst, du möchtest kein beispiel abgeben, sagst du, du möchtest nicht teil der gesellschaft sein, dann solltest du am besten irgendwohin gehen, wo es keine roten ampeln gibt, oder keine kinder, die es nachmachen, ohne dich zu fragen und ohne es einschätzen zu können.
    Ich kenne einen fall, indem der achtjährige über eine rote ampel ging, weil zwei fahrräder schnell über rot sind, er starb auf dem weg zum krankenhaus und seine drei freunde, die an der ampel stehen blieben machen eine traumatherapie…
    Der hat auch nicht gefragt, „hey fahrradfahrer, ich mach euch jetzt nach, ja, ok??“
    Denk mal über dich nach, würde dich das belehren, wenn ein paar meter hinter dir ein kind überfahren wird, weil du beschließt, dass du ausserhalb der gesellschaft stehst?
    Es ist diesem kind passiert, dessen eltern ich aus der trauergruppe kenne!
    Ich liebe es bei rot über die ampel zu gehen und ich habe es sehnlichst vermisst in der elternzeit, ich erinnere mich noch an meine erste rote ampel, die ich igrorieren durfte, nachdem ich mich nach kinderaugen umsah und natürlich nach autos…
    Es ist nicht so böß gemeint,
    stell dir vor, dir ruft eine rotzbesoffenne 15jährige punkerin „kindermörder_in“ hinterher, einfach, weil sie teil der gesellschaft ist und dich an ihren erkenntnissen teilhaben lassen will.. verantwortung haben wir alle für unser handeln, das sollten wir auch reflektieren.
    Lovis

    • Natürlich bin ich Teil dieser Gesellschaft, und gebe damit auch ein Beispiel, wie mensch sich verhalten kann. Das heißt noch lange nicht, dass ich ein Vorbild bin/sein muss. Ich habe Verantwortung für mein Handeln, ja. Verantwortung für das Handeln anderer Menschen, nein. Dafür will ich auch nicht verantwortlich sein. Ich kann hingegen Verantwortung für Dinge übernehmen, die außerhalb meines eigenen Handelns liegen. Das kannst Du mir aber nicht aufzwingen.
      Der Fall, den Du schilderst, ist traurig. Ich frage mich aber, ob Du gerade argumentieren möchtest, dass die Radfahrer*innen Schuld an dem Tod des Kindes sind? Das finde ich eine moralisch sehr schwierige Herangehensweise, weil da noch andere Faktoren eine Rolle gespielt haben können (das ist schwer zu beurteilen, weil ich den Fall nicht kenne, aber diese einseitige Schuldzuweisung finde ich aus der Luft gegriffen). Genauso gut könnte ich moralisch verwerfliche Fragen den Eltern oder anderen Verkehrsteilnehmer*innen gegenüber stellen, aber das hilft nicht und gibt nur eine verquere Vorstellung von „Schuld“ wider. Und mit Deinem, so wie ich es Deinem Text entnehme, Verständnis von Schuld kann ich nicht viel anfangen. Ich frage mich auch, warum Du meinst, ich müsste durch den Tod eines Menschen „belehrt“ werden. Was kann der Tod eines Menschen mich lehren, außer dass die Welt ungerecht ist und der Tod dazu gehört? Zu diesem Thema habe ich mir schon viele Gedanken gemacht, was Du hier auch nachlesen kannst, wenn Du möchtest.
      Und wenn Du mit einem Kind rumläufst, dann erklär ihm*ihr wie es sich Deiner Meinung nach im Straßenverkehr verhalten soll. In anderen Ländern laufen Menschen regelmäßig bei Rot über die Straße und ich habe noch nie gehört, dass davon besonders viele Kinder gestorben sind. Die lernen nämlich auch, dass mensch achtsam bei Rot UND bei Grün über die Straße gehen sollte. Und das ist meiner Meinung nach wichtiger Kindern beizubringen, als Rot heißt Stehen und Grün heißt Gehen.
      Und da Du es für relevant zu halten scheinst: Da waren keine Kinder anwesend, als ich die Straße bei Rot überquert habe.

      • Kinder sind einfach datensammelmaschienen, befor sie nicht über autos ragen, sind sie einfach nicht zu sehen und auch danach können sie den verkehr einfach noch nicht einschätzen…

        Solange du nicht vor kindern bei rot gest, wünsche ich dir viel spaß dabei…aber, dass das eigenne handeln im raum-zeit-kontinuum konsequenzen hat, die vorrausschaubar sind ist, wie es ist. Menschen sind herdentiere, aber ich steck vielleicht einfach tiefer in verhaltenspsychologie drinnen, ich nehme meine verantwortung soweit wahr, wie ich sie reflektieren kann und, dass andere menschen mir folgen, wenn ich über rot gehe, ist eine tatsache, die ich täglich beobachten kann und dass kinder sich noch viel mehr dazu verleiten lassen los zu laufen, wenn andere es tun, ist doch nun wirklich keine bestrittene these…
        Byby

      • Ich habe nicht bestritten, dass Menschen anderen Menschen was nachahmen, gerade Kinder. Menschen lernen ja auch durch Nachahmung. Ich bestreite aber den Anspruch, dass ich dadurch automatisch verantwortlich bin für jegliches Handeln anderer Menschen.
        Wenn ich Deine Argumentation weiter denke, dann bin ich auch dafür verantwortlich, wenn ich eine Straße ohne Ampel oder Zebrastreifen überquere, wenn mir dann jemensch hinterher läuft ohne zu gucken und von einem Auto überfahren wird. In dieser Logik darf ich dann am besten gar keine Straßen mehr überqueren, weil es immer sein könnte, dass jemensch hinter mir her läuft und dabei umkommt. So kann ich aber nicht leben. Dann fühle ich mich dazu verdammt, in meinem Zimmer zu sitzen und nichts zu tun, weil es immer sein kann, dass jemensch mir etwas nachmacht und ihm*ihr dabei etwas passiert.
        Das ist jetzt erstmal nur meine persönliche, alltägliche Folge Deiner Logik, und ich habe weder Psychologie noch Philosophie studiert. Wenn Du das anders siehst als ich, oder in Deiner Logik eine Möglichkeit siehst, trotzdem zu leben, dann würde mich das auf jeden Fall interessieren.

      • Es geht um die gesammtgesellschaftliche verantwortun gegenüber kindern. So einfach, wir sind erwachsen und sollten unser eigennes handeln und seine folgen zu sehen und gesellschaftliche verantwortung zu übernehmen, dazu gehört älteren in der bahn den sitzplatz anzubieten, beim kinderwagen mit an zu packen, wenn der fahrstuhl streikt, nicht bei rot über die ampel zu gehen und vielleicht oben drauf noch soziale intelligenz zu beweisen, in dem mensch eine tür auf hält, oder platz macht. Wenn wir alle sorgsam mit einander umgehen, haben wir eine bessere welt. Das ist alles, es liegt bei uns und es ist unser aller verantwortung.
        Lovis

      • Ich stimme Dir insofern zu, dass wir innerhalb der Gesellschaft Verantwortung für unser Handeln übernehmen müssen und auch, dass in dem von Dir beschriebenen Fall ich (oder andere Personen, die die Straße überqueren) MITverantwortlich sind. Allerdings widerstrebt mir die einfache Schuld- bzw. Verantwortungszuschreibung Deinerseits insofern, dass mMn auch andere Personen Verantwortung tragen, da auch andere Personen Teil der Situation, des Straßenverkehrs und der Gesellschaft sind. Es ist nicht so einfach zusammenzufassen wie „bei Rot über die Straße gehen töter Kinder“. Das ist nur populistisch.
        Und Du hast auch Recht damit, dass wenn wir alle sorgsamer wären, die Welt sicherlich ein besserer Ort wäre.

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