Von Bärten

Ich habe sehr lange versucht, einen Beitrag zu Körperbildern und Sexismus und gesellschaftlichen Normen zu schreiben, aber es wollte/will mir nicht gelingen. Ob es jetzt klappt und ich damit zufreiden sein werde, das bleibt noch zu sehen.

Fest steht: Es gibt sehr konkrete gesellschaftliche Vorstellungen davon, wie Frauen auszusehen haben. Ja, die gibt es auch für Männer, aber für Männer gilt vor allem, dass sie nicht feminin zu sein haben. Also wieder eine Abwertung von Weiblichkeit/Femininität. Frauen treffen sexistische Vorstellungen und teilweise konkrete Forderungen von anderen Menschen oder sogar Partner*innen meist mehr als Männer. Welchen Einfluss z.B. auch die Medien auf unser Bild von Schönheit haben, kann mensch sehr gut in der Dokumentation Killing Us Softly sehen, die mir letztens eine Freundin empfohlen hat.

Was ist nun damit zu tun? Welche Effekte haben diese Schönheitsideale?

Wie immer gibt es keinen Plan, dem mensch folgen kann. Keine Anleitung. Keine Musterlösung. Kein Patent.

Um zu verdeutlichen, welche Effekte diese Schönheitsideale haben, kann ich ein wenig aus dem Nähkästchen plaudern. Ich bin was Schönheitsideale betrifft nur von Kleinigkeiten betroffen, würde ich behaupten. Schließlich bin ich weiß, schlank und able bodied. Welche Aspekte betreffen mich also? Sagen wir mal so: In der Grundschule wurde ich für meine Brille gehänselt, was mich mit 15 oder 16 Jahren dazu bewogen hat, Kontaktlinsen auszuprobieren. Durch Allergien und Hautkrankheiten war es eine Qual, die ich über ein Jahr durchgehalten habe. Dann habe ich aufgegeben und bin seitdem meiner Brille treu geblieben. Ich mag meine Brille, zumindest die, die ich jetzt besitze. Meine Brille passt zu meinem Gesicht und ich bin so daran gewöhnt, dass ich mein Gesicht ohne Brille ziemlich leer finde.

Später, als ich schon auf dem Gymnasium war, wurde ich für meinen Damenbart gehänselt. Von Freund*innen. Die Tatsache, dass es Menschen waren, von denen ich dachte, dass sie meine Freund*innen seien, die sich über mich lustig gemacht haben (wohl bemerkt hinter meinem Rücken), war vielleicht das Schlimmste. Seitdem habe ich Schwierigkeiten damit, Menschen zu glauben, wenn sie sagen, dass sie mich schön oder toll finden. Ich lerne, solche Aussagen zu akzeptieren. Und es ist ein konstanter Kampf, solche Dinge einfach mal stehen zu lassen ohne abzuwinken oder es abzutun.
Kommen wir zurück zum Damenbart. Mehr als zehn Jahre (die genauen Jahre kann ich nicht sagen; vielleicht sind es neun oder elf) habe ich mir den Damenbart abrasiert. Woche für Woche. Weil ich mich geschämt habe. Es gab Menschen in meinem Leben, die dieses Denken, dass ich mich schämen sollte, auch im Nachhinein noch unterstützt haben. Heute kann ich darüber sprechen ohne mich zu schämen, und dafür habe ich viele Jahre gebraucht. In den letzten Wochen habe ich ein Experiment gemacht, das mir dabei glaube ich sehr viel geholfen hat: Ich habe aufgehört, den Bart wegzurasieren. Und gleichzeitig habe ich angefangen, darüber zu sprechen. Und, oh Wunder, die Welt ist nicht zusammen gebrochen, Menschen haben nicht auf einmal aufgehört, mich attraktiv oder schön zu finden. Und überhaupt und sowieso ist mein Leben einfach weiter gegangen. Wer hätte das gedacht?

Ich habe mich damit nicht besonders wohl gefühlt, und habe ein interessantes Gespräch mit D. darüber geführt. Denn wie gehe ich am besten mit solchen Normen und diesem gesellschaftlichen Druck um? Ist es sinnvoll, einfach das Gegenteil von dem zu machen, was die Gesellschaft erwartet? Ist das dann Feminismus? Ist es immer noch sinnvoll, wenn ich mich jeden Tag unwohl damit fühle? Kann ich nicht manchmal dem Druck nachgeben und ihn trotzdem kritisieren?

Am Ende (haha, als ob es eine Ende gäbe; sagen wir für’s Erste) habe ich beschlossen, den Bart nicht zu behalten, weil ich mich ohne besser fühle. Ich habe mir dafür beigebracht, wie mensch Haare mit dem Faden entfernt (ich bin noch sehr schlecht darin, aber es gibt ja für alles Tutorials auf youtube) und etwas Neues gelernt. Ich sehe aus, wie ich mich wohl fühle, und kann trotzdem ohne Scham über meine Erfahrungen sprechen.

Vielleicht gibt es jetzt Feminist*innen, die mich dafür kritisieren möchten, dass ich mir den Bart doch wegmache und nicht „dazu stehe“. Vielleicht auch nicht. Für mich bedeutet Feminismus immer noch, dass Frauen machen und entscheiden können sollen, was sie tun möchten. Und dazu gehört vielleicht auch, dem gesellschaftlichen Bild in manchen Aspekten zu entsprechen. Ich habe auf jeden Fall das getan, was sich für mich richtig anfühlt. Gleichzeitig ist mir bewusst, dass es sich wahrscheinlich auch besser anfühlt, weil es den gesellschaftlichen Erwartungsdruck gibt und ich dem entgehe, indem ich ihm entspreche. Trotzdem finde ich es okay, denn meiner Meinung nach geht es darum, dass ich mich bewusst für etwas entscheide, was ich vertreten kann und womit es mir gut geht.

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Ein Gedanke zu “Von Bärten

  1. Aus leidvoller Erfahrung: Zupfen macht’s schlimmer. Dann werden mit der Zeit richtige Borsten daraus und der Mist fängt dann auch noch an einzuwachsen … ich dachte auch mal, das wäre eine gute Idee. Inzwischen ist’s so schlimm geworden, dass ich als dauerhafte Lösung bei der Nadelepilation war. (und das tut weh- sehr) :/
    Ich würde beim Rasieren bleiben.

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