Zehn Jahre

Morgen ist es auf den Tag genau zehn Jahre her, dass M. gestorben ist. Ich kann nicht genau sagen, was das mit mir macht. Mensch denkt ja oft, dass Trauer irgendwann abgeschlossen ist und dann ist mensch „über etwas hinweg“. Ich glaube nicht, dass das so ist. Ich habe das Gefühl, dass Trauer immer wieder kommt. Manchmal in erwartbarer Weise (vielleicht bei einem Jahrestag, so wie jetzt gerade), manchmal aber auch völlig unerwartet. Da muss nur jemensch was Falsches sagen oder schreiben, und schon ist mensch wieder drin in der Vergangenheit und in der Trauer. Ähnlich ist es bei meiner Oma. Manchmal denke ich gar nicht mehr darüber nach. An anderen Tagen frage ich mich, ob es wirklich sein kann, dass meine Oma tatsächlich tot ist.

Als M. gestorben ist, da waren wir eigentlich keine Freund*innen mehr. Die Freund*innenschaft war im Grunde seit fünf Jahren nicht mehr wirklich Teil meines Lebens, aber sein Tod hat mich dennoch getroffen.

Ich kannte M., wie mensch so schön sagt, seit ich denken kann. Wir waren in der gleichen Kindergartengruppe und auch in der gleichen Grundschulklasse. Wir gehörten zum gleichen Freundeskreis (falls ich das jetzt so nennen kann, bei 3-10-Jährigen), wir gingen den gleichen Weg zur Schule, wir waren auf den gleichen Geburtstagsfeiern und unsere kleinen Geschwister waren zusammen in einer Krabbelgruppe. Diese Krabbelgruppe, also größtenteils unsere Mütter, trafen sich regelmäßig, als die Krabbelgruppe schon längst passé war und auch noch, als wir schon nicht mehr in die Grundschule gingen. Wir gingen auf unterschiedliche weiterführende Schulen, ich sogar am anderen Ende der Stadt. Irgendwann hörte die Krabbelgruppenkombo auf, sich zu treffen. Da müssen wir ungefähr zwölf gewesen sein. Der Kontakt riss damit ab. Irgendwann zog meine Familie auch an das andere Ende der Stadt und somit lag der Teil meines Lebens irgendwann hinter mir.

Als M. starb – mit dem Roller an einem Dezembertag unter einen LKW geraten – funktionierte die Kommunikation der Krabbelgruppenkombo wie früher. Als ich mittags aus der Schule kam, stand meine Mutter in der Küche, mit einem Gesicht, für das es keine passende Bezeichnung gibt. Dieses Gesicht sagt Dir in etwa: „Ich muss Dir was sagen und es tut mir jetzt schon Leid, was diese Worte bei Dir auslösen werden“.

Ich konnte mit der Mitteilung, dass M. gestorben sein sollte, nichts anfangen. Ich konnte auch mit den Traueranzeigen in der Zeitung nichts anfangen. Am Tag der Beerdigung fragte mich ein Freund, warum ich überhaupt auf die Beerdigung ginge, wenn es mir doch gar nichts ausmachen würde. Eine unsensible und bevormundende Frage. Denn die Wahrheit war nicht, dass es mir nichts ausmachte. Die Wahrheit war, dass ich mit dem, was geschehen war, nichts anfangen konnte. Auch auf der Beerdigung wusste ich nicht, was ich mit mir und dem Geschehen um mich herum anfangen sollte. Ich war nicht alleine, zum Glück.

Geweint habe ich dann, als ich nach der Beerdigung irgendwann neben meiner Mutter in der Küche saß und mir klar wurde, dass M. tatsächlich tot war. Und dass es dafür keinen Grund gab.

M. wäre heute 27. Ich fand schon damals, und finde auch heute noch, dass 17 zu jung ist zum Sterben. Ich kann mir mindestens tausend Szenarien ausdenken, wie M.’s Leben hätte weiter verlaufen können. Ich kann den Tod akzeptieren, wenn er selbst gewählt ist, oder wenn Menschen alt oder krank sind. Aber dieses sinnlose Sterben, ob im Krieg, durch einen Unfall oder Hass auf der Straße; damit kann ich nichts anfangen. Angeblich finden manche Menschen mit dem Tod ja zu Gott. Bei mir hat das nicht funktioniert. Mir hat weder die Aussage „es hat einen Sinn, den Du nicht verstehst“ geholfen, noch die Aussage, dass wir „Vertrauen haben müssen“.

Natürlich hat M. heute die Bedeutung für mich, die ich ihm und seinem Tod beimesse. Aber ich hatte schon damals das Gefühl, dass sein Tod mich mehr beeinflusst hat als der Tod von anderen Menschen, die ich kannte. Vielleicht, weil er so jung war und noch so viel vor ihm hätte liegen können. Vielleicht weil es ein Verkehrsunfall war. Wer weiß.

In unregelmäßigen Abständen, wenn ich bei meinen Eltern bin und tatsächlich genug Zeit habe, dann stelle ich eine Kerze auf sein Grab. Wie gesagt, ich glaube nicht an Gott, aber diese Geste hat doch etwas Tröstendes für mich. Vielleicht ist es auch ein Zeichen davon, dass Trauer nie vorbei geht, immer wieder kommt, schubartig verarbeitet wird.

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