Wie ich auf einem Schiff ein Buch las oder: Was ist eigentlich Belästigung?

Auf der Rückkehr von meinem Aufenthalt in Litauen ereignete sich folgende Situation auf der Fähre: Die Fährüberfahrt dauert ca. 22 Stunden. Das bedeutet, dass Menschen auf der Überfahrt auf jeden Fall irgendwie übernachten müssen.[1] Zur Auswahl gab es Kabinen oder einen großen Schlafraum mit vielen Schlafsitzen, der nicht abschließbar war. Mein Budget reichte nur für einen Schlafsitz in dem großen Schlafraum.

Die Überfahrt an sich war toll. Ich konnte mich gut von Litauen verabschieden und es gab Zeiten, in denen mensch kein Land mehr sehen konnte, sondern nur die Ostsee drum herum. Faszinierend und sehr schön. Ich hatte mir auch kein Buffet bestellt, sondern mein eigenes Essen mitgenommen, da Essen bestellen mit meinen Diäten immer besonders schwierig ist. Im Schlafraum hatte ich gleich drei Sitze für mich, da es auf hundert Sitze ungefähr zehn Menschen gab. In der Reihe hinter mir saß ein älterer Herr, der mich sehr freundlich auf Litauisch zuquatschte, mir eine Zeitung und einen Schokoriegel anbot. Alles auf sehr respektvolle und freundliche Weise.

Abends saß ich in einer der Sitzecken (es gab zwei Bars und einen Essbereich), aß mein eigenes Essen und las sehr eindeutig ein Buch. Irgendwann schon eher später (zwischen 22 und 23 Uhr) kam ein stark alkoholisierter junger Mann auf mich zu und sprach mich an.

  1. Ich war offensichtlich am Lesen und hatte keinerlei Interesse an einem Gespräch. Es ist mir immer wieder unerklärlich, wie Menschen lesende Menschen missverstehen können. Wir lesen. Das ist das Gegenteil von Reden.
  2. Der Typ kam mir gleich viel zu nah und begann Small Talk. Small Talk! Nichts ist schlimmer für mich, wenn ich lese, als Menschen, die Small Talk machen wollen. Du hast eine konkrete Frage? Okay, hau rein und zieh Leine. Du willst Small Talk machen? Alte*r, ich lese!
  3. Er war stark alkoholisiert. Stark alkoholisierte Menschen sind tendenziell eher unangenehme Gestalten. Es ist schwer einzuschätzen, wie sie worauf reagieren werden.
  4. Ich war allein und kannte auf dem Schiff niemenschen. Der Raum, in dem ich schlafen sollte, war nicht abschließbar.

Alles in allem war schon allein sein Ansprechen eine eher bedrohliche Situation. Er wollte sich mit eindeutig sexuellen Interessen mit mir unterhalten und mich kennenlernen. Darauf hatte ich keine Lust, also versuchte ich ihm das klarzumachen, indem ich ihn fragte, wie ich ihm helfen könne. Er versuchte für geschlagene zehn Minuten, mich in ein Gespräch zu verwickeln, das ich nicht führen wollte. Ich wollte mein Buch zu Ende lesen. Irgendwann schien er aus meinem einsilbigen Gesprächsverhalten zu verstehen, dass ich kein Interesse hatte und verschwand. Nur um fünfzehn Minuten später wieder zu kommen und dieses Mal direkt in meinem Gesichtsfeld zu stehen. Also wieder viel zu nah.

Ich war sofort total erschrocken (ich betone an dieser Stelle nochmal, dass ich in mein Buch vertieft war) und fragte ihn sehr ruppig, was er von mir wolle. Ich stellte mir vorsichtshalber die Frage, ob ich wohl mit meinem Ehering vor seinem Gesicht rumwedeln sollte, um ihn loszuwerden.[2] Er reagierte auf mein ruppiges Verhalten aber zum Glück mit einem sofortigen Abzug.

Das Ganze sorgte dennoch dafür, dass ich mich den Rest der Nacht unwohl fühlte. Mehrmals lief der Typ in meinem Sichtfeld vorbei und starrte mich an. Der Gedanke, dass ich schutzlos in einem Raum schlafen würde, der nicht abschließbar ist, kam mir ca. alle zehn Minuten.

Eigentlich hatte ich mir in der Nacht noch einmal die Sterne anschauen wollen. Ich ging davon aus, dass mensch mitten auf dem Meer viel mehr Sterne würde sehen können als in einer Stadt. Das wollte ich mir nicht entgehen lassen. Aus Angst traute ich mich jedoch nicht mehr aus dem Innenraum heraus. Wie einfach wäre es für den Typen (oder auch einen anderen Typen), mir einfach zu folgen und mich draußen weiter zu belästigen? Wie einfach wäre es, mich über die Reling zu schubsen mitten in der Nacht? Das würde ja keine Menschenseele mitbekommen.

Am nächsten Morgen habe ich mich extra über den Typen und sein Verhalten geärgert, weil mir aus Selbstschutz ein wahrscheinlich toller Anblick vorenthalten wurde. Ich fühlte mich belästigt, bedroht und in meiner persönlichen Freiheit eingeschränkt. Je mehr ich darüber nachdachte, diesen Eintrag zu schreiben, umso mehr begann ich mich zu fragen, was Belästigung denn eigentlich genau sei, und machte mich auf die Suche.

Dem Duden nach sind Synonyme zu Belästigung a) Behelligung, Störung, (salopp) Anmache, und b) Annäherungsversuche, Aufdringlichkeit, Zudringlichkeit, (salopp) Anmache. Laut dem Wiktionary ist die Bedeutung von Belästigung „nachhaltiges Einwirken auf Personen, was als unangenehm empfunden wird“. Sinnverwandte Wörter sind Aufdringlichkeit, Zudringlichkeit und östr. Sekkatur.

Im Gesetz taucht Belästigung vor allem im Sinne von sexueller Belästigung auf. Alles Andere scheint nicht strafbar zu sein. Aber was ist sexuelle Belästigung? Laut Wikipedia ist sexuelle Belästigung, die Form von Belästigung, die „insbesondere auf das Geschlecht der betroffenen Person abzielt“.

Die Frauenberatungsstelle Osnabrück hat ein Info-Heftchen rausgegeben „Tipps für die Wildnis bei sexueller Belästigung“ (Achtung, Downloadlink für PDF). Die Broschüre erklärt in ihrem Vorwort direkt, dass sexuelle Belästigung als gesellschaftliches Thema nicht ernst genommen, sondern eher verharmlost wird, und betont, dass was als sexuelle Belästigung definiert wird, vor allem von der belästigten Person abhängt.

Als sexuelle Belästigung wird „sexuell motiviertes Verhalten, das für die Betroffenen unerwünscht ist und sie als Person und/oder Frau herabwürdigt und dabei ihre persönlichen Grenzen verletzt“ definiert; dazu gehören u.a.:

  • Körperliche Berührungen und Übergriffe
  • Bemerkungen und Gesten mit sexuellem Inhalt
  • Exhibitionistische Taten
  • Aufforderungen zu sexuellen Handlungen
  • Sexuelle Angebote
  • Zweideutige Witze oder Sprüche
  • Sexuelle Anzüglichkeit
  • Beleidigungen mit sexuellem Inhalt

Aus den o.g. Definitionen und Erklärungen würde ich schließen, dass mir Belästigung widerfahren ist. Vielleicht sogar sexuelle Belästigung (nach Wikipedia), da es dem Typen klar um mein Geschlecht ging und um potentielles Kennenlernen/sexuelle Handlungen. Allerdings würde ich nicht unbedingt von sexueller Belästigung reden, da er keine sexuellen Handlungen angedeutet oder mich dazu aufgefordert hat. Belästigung war es meiner Einschätzung nach aber auf jeden Fall. Allerdings gibt es in solchen Fällen keine rechtliche Handhabe gegen die Täter*innen. Wie geht mensch am besten mit solchen Erfahrungen um? Wie kann mensch sich direkt in der Situation schützen? Wie können wir am besten den gesellschaftlichen Dialog über solche Erfahrungen öffnen und mehr Menschen dafür sensibilisieren?

[1] Oder an der Bar sitzen bleiben, sowas ist ja jeder*m selbst überlassen.

[2] Dies ist immer meine letzte Option, da ich es nicht einsehe, mich hinter einem anderen Mann zu verstecken. mMn sollte es ausreichen, wenn ich einem Mann sage, dass ich kein Interesse habe, unabhängig davon, ob ich vergeben bin oder nicht. Aber der Ring funktioniert auf jeden Fall.

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