Rückschau #9

Die letzten beiden Wochen war ich auf einer Sommerschule in Kaunas, Litauen. Thematisch ging es um Erinnerungskultur, und ich habe einiges dazu gelernt und noch einmal eine neue Perspektive auf Litauen gewonnen zu meinem Wissen von früher. Mir fällt dabei auf, dass ich, als ich meinen Freiwilligendienst hier absolviert habe, nicht so viel gelernt bzw. mitgenommen habe. Also, für mich selbst schon, es war eines der prägendsten Jahre meines Lebens, aber was die Geschichte oder die Gesellschaft in Litauen angeht, habe ich eigentlich kaum was gelernt.

Das konnte ich jetzt mit der Sommerschule ein bisschen nachholen. Der Besuch bot auch einen krassen Kontrast zu dem sonst eher linken Umfeld, in dem ich mich bewege. Ich habe mich ja zugegebermaßen nicht so viel mit Kommunismus beschäftigt, zumindest nicht über die Schule hinaus, aber es ist ziemlich klar, dass Marx und Kommunismus/Sozialismus Dinge sind, die in den linken Subkulturen, die ich kenne, irgendwie dazu gehören. Hier in Litauen sieht das alles ein bisschen anders aus. Nicht verwunderlich, wenn mensch bedenkt, dass Litauen als Land sowohl unter den Nazis als auch unter den Sowjets gelitten hat.

Sowjetisches und russisches Erbe wird hier überall abgelehnt, das habe ich schon bei meinem ersten Besuch hier gemerkt. Aber dieses Mal war die Eindruck noch stärker, aber auch das Verständnis, was ich dafür aufbringen kann. Es wundert mich kein bisschen, dass Menschen sozialistisches oder kummnistisches Gedankengut ablehnen, wenn ihre Nachbarn, Verwandten und Freund*innen auf Grundlage dieses Gedankenguts verschleppt, deportiert und gefoltert wurden bzw. einfach verschwunden sind. Es wundert mich auch nicht, dass Menschen sich verletzt fühlen, wenn junge Leute (Achtung, Generalisierung!) mit Shirts von Che Guevara oder Karl Marx rumlaufen, wenn sie jahrzentelang unter dem sowjetischen Regime gelitten haben.

Ich habe mich immer irgendwie links eingeordnet, ohne mich ideologisch irgendwo zugehörig zu fühlen. Vielleicht ist das auch eine unbewusste Folge von meinem ersten Aufenthalt hier, vielleicht liegt es daran, dass ich mich nie so richtig mit diesen ganzen ideologien auseinander gesetzt habe. Ich habe auch nur jetzt ein Bedürfnis danach, mich nochmal näher mit linken Ideologien auseinanderzusetzen, um besser argumentieren zu können, warum ich Ideologie nicht sympathisch finde. Ich habe in den letzten Jahren gemerkt, dass ein Schlagwort für mich wichtig ist, und das wäre „social justice“, soziale Gerechtigkeit. Das ist, meiner Meinung nach, wonach diese Gesellschaft streben sollte. Ich weiß nicht, ob es dafür noch mehr Ideologie braucht. Eigentlich ist das Ziel klar. Mir ist auch klar, dass es eine Utopie ist, aber genau das sind ja diese ganzen Ideologien auch.

Was ich eigentlich sagen wollte, ist vielleicht nur, dass ich immer noch nicht so richtig weiß, wo ich mich einordnen soll, und dass das aber vielleicht auch gar nicht so schlimm ist. Vielleicht muss ich nicht einer Ideologie anhängen, um zu wissen, was richtig und falsch ist. Vielleicht muss ich mich nicht in einer Bewegung wiederfinden, um zu wissen, was ich zu tun habe, um meiner Utopie ein bisschen näher zu kommen. Vielleicht ist das, was ich D. seit Monaten sage, tatsächlich richtig: wir müssen die Welt mit unserem Leben ändern.

Und so lässt mich Litauen wieder einmal voller Fragen und Gedanken zurück, für die ich wahrscheinlich noch Wochen brauchen werde, um sie auch nur ansatzweise zu sortieren. In der Zwischenzeit rede ich über Musik, lese, liege auf dem Sofa und mache mir Gedanken darüber, wie ich mein Leben leben möchte und wie ich sein will.

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