Rückschau #6

Ich weiß nicht mehr, wo mir der Kopf steht, deswegen mache ich jetzt eine Schreib- und Esspause. Haha! Es gibt noch Reis vom Mittagessen und D. hat gestern elmalı pasta gemacht, also sowas wie Apfelteilchen. Eine gelungene Zwischenmahlzeit!

In der letzten Woche habe ich es geschafft, endlich meine Transkripte fertig zu bekommen. Endlich endlich endlich. Diese Woche stehen Methoden- und Theoreiteil an, was weniger ein Problem sein sollte. Hauptsache ich fange mal an, Worte auf Papier zu bringen, oder auf den Bildschirm, dann fühle ich mich garantiert besser. Der Plan steht: am 19.07. muss alles fertig sein. Ich habe ansonsten viel geschlafen, wegen der Pollen, die nerven, und die Medikamente machen müde. Das klingt scheiße, ist es auch.

Am Freitag war ich auf einer Exkursion in Bonn/Köln. Einmal im Haus der Geschichte in Bonn, wo wir uns die Ausstellung Immer bunter. Einwanderungsland Deutschland angeschaut haben, und danach im DOMiD in Köln, wo wir diskutiert haben und durch das Archiv geführt wurden.

Die Ausstellung Immer bunter war genauso enttäuschend wie ihr Name. Die Dame, die uns geführt hat, hat gleich zu Anfang ein inkludierendes Programm gefahren, allerdings auf eine sehr unangenehme Art und Weise. Sie hat uns einen Haufen Fragen zu unseren Erwartungen gestellt, und dann vollkommen rücksichtslos irgendwelchen Menschen das Mikro unter den Mund gehalten. Ich finde sowas ja auch immer persönlich unangenehm, wenn mensch gezwungen wird, vor anderen Menschen was zu sagen. Also, wenn jemensch sich meldet und gerne etwas beitragen möchte, gut, aber wenn nicht, dann doch bitte auch nicht. Im HdG (Haus der Geschichte) ging es vor allem um die „Gastarbeiter*innen“, obwohl das HdG weder die Anführungszeichen benutzt noch gendert. Der Aufbau der Ausstellung blieb uns vollkommen verborgen. Sie sollte wohl chronologisch sein, aber mir ist bis heute nicht klar, warum die DDR-Geschichte dann nach der Geschichte der BRD kommt (als hätten sie nicht gleichzeitig existiert) oder auch warum es zuerst um „Gastarbeiter*innen“-Migration ging, und erst danach um Asyl. Gab es vorher keine Asylsuchenden in der BRD/DDR? Kamen Asylsuchende erst in den 90er-Jahren nach Deutschland? Dann behauptete die Ausstellung auch noch, dass es Anfang der 90er-Jahre einige rechtsextreme Übergriffe aus Asylsuchende gegeben hätte, die die Mehrheitsbevölkerung entsetzt hätten. Dabei stand doch die Zivilbevölkerung drumrum und hat applaudiert: hier und hier und hier noch was Erschreckendes. Überhaupt waren Flucht und Asyl in die hinterste Ecke verbannt, die Ausstellung agierte mit allseits bekannten Klischees („die ‚Gastarbeiter*innen‘ wollten ja auch in diesen unzumutbaren Wohnungen wohnen, denn sie wollten ja Geld sparen“), war furchtbar folkloristisch angehaucht und endete mit der deutschen Leitkultur, wo als Beispiele für Integration ein Schwarzer Mann im Schützenverein und eine muslimischen Frau, die ihr Kopftuch abgelegt hat, „weil es den Dialog verhindert“ angeführt wurden. Auch die Zeitzeug*innenaussagen, die genutzt wurden, wurden vollkommen irritierend eingesetzt. Zwischendurch gab es immer wieder weiße Kästen, durch die mensch hindurchlaufen musste, in denen dann Schnipsel aus Interviews oder Befragungen (unklar) eingespielt wurden. Diese waren jedoch vollkommen aus dem Zusammenhang gegriffen und klischeehaft. Der letzte Raum der Ausstellung war dann völlig erschlagend. Überall an den Wänden stand das Grundgesetz geschrieben, in einer Ecke stand die Kofferbombe aus Köln/Bonn von 2006, und in Vitrinen lag Sarrazin neben dem Salafisten-Koran. Das letzte Ausstellungsstück war dann eine Polizeijacke. Der Raum war völlig zugestopft mit wahllosen Dingen, die überhaupt keinen erkennbaren Bezug zueinander hatten. Vor allem die Kofferbombe war schon fast beleidigend, weil die Ausstellung auch mit einem Koffer begann: mit dem Koffer der Migrant*innen bzw dem sogenannten „Fluchtkoffer“. Und von dort aus wurde dann der Bogen geschlagen zu einer Kofferbombe und einem versuchten Anschlag. Was die Ausstellungsmacher*innen sich dabei gedacht haben, darüber kann leider nur spekuliert werden.

Der Besuch im DOMiD war dann vergleichsweise erfrischend. Es gab einen regen Austausch über die Ausstellung im HdG unter den Studierenden, da es verschiedene Beobachtungsgruppen gegeben hatte. So konnten unterschiedliche Aspekte der Ausstellung zusammen getragen werden. Eine Doktorandin stellte dann das Projekt von DOMiD vor, nämlich ein geplantes Migrationsmusem (mehr Infos finden sich hier). Das Projekt des DOMiD ist ziemlich spannend und die Doktorandin war sehr offen für Fragen, Kritik und Anregungen, weswegen eine sehr lebhafteDiskussion möglich war. Sie führte uns dann noch durch das Archiv von DOMiD, wo sich alte Schriftstücke und Zeitungen, aber auch viele Gegenstände aus Familien und Bücher befinden. Ich bin sehr gespannt, wie es mit dem geplanten Museum weitergeht.

Den Rest des Wochenendes war ich dann noch in Bonn bei L. Es war super Wetter, wir waren noch bei einem lateinamerikanischen Filmfestival und haben viel in der Altstadt rumgehangen. Am Sonntag haben wir dann L.’s Umzug wieder zurück zu uns gemacht. Aber nicht ohne uns auf dem Interkulturellen Viertelfest blicken zu lassen, wo wir passend zu kurdischer Musik und Tanz angekommen sind. Bonn hat mir sehr gut getan, weil ich ein bisschen entspannen und nochmal Abstand zum regulären Alltag gewinnen konnte.

Montag war dann schon wieder arbeiten angesagt. Und so geht es in die nächste Woche. Ich merke, dass montags kein guter Tag zum Schreiben ist, wahrscheinlich weil es mein einziger richtiger regulärer freier Tag ist (gestern hat’s nicht ganz geklappt, weil ich doch arbeiten musste), und da habe ich meistens keine Lust zu schreiben. Da habe ich eher Lust, spontan Dinge zu unternehmen und mich zu entspannen.

So. Nun ist die Pause vorbei. Der Snack ist weg, und ich muss andere Dinge organisieren.

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