Shway, shway

Das erste Brot geht in zwanzig Minuten in den Ofen, also wenn ich diesen Beitrag zu Ende geschrieben habe. Der Tee ist kalt. Und das zweite Brot braucht noch ein bis zwei Stunden, bis es in den Ofen darf. Vorher muss es noch gehen. Das ist für Menschen wie für Brote eine wichtige Tätigkeit.

Die Brote sind für das Konzert morgen, denn wir müssen ja auch was essen. Ich freu mich schon sehr, aber es stresst mich auch ein bisschen, dass morgen ein Konzert in unserer Wohnung stattfindet. Es kommen zwei famose Bands aus dem Umland und zwei Freunde-Combos spielen auch und die WG singt. Es wird ein Fest! Aber ich glaube, es wird erst cool, wenn es tatsächlich angefangen hat. Vorher wird es noch ein großer Stressballen, den wir überstehen müssen. J. kommt auch schon heute, was bedeutet, dass sie dann den großen Stressballen mit mir zusammen überstehen muss, aber ich glaube, das kann sie. Wir haben schon ganz andere Ballen zusammen überstanden.

Jedenfalls backe ich Brot. Salate bekommen wir von außerhakb, es gibt Dips, und Bier, und Wein und selbst gemachten Likör und Kuchen (Möhrenkuchen!) und viele liebe Menschen und gute Musik und ganz ganz viel Liebe. Es wird famos, sage ich.

Gerade komme ich nicht so richtig in eine freudige Stimmung, ich muss auch noch einiges für die Uni tun und werde am Wochenende natürlich GAR NICHTS schaffen. Immerhin habe ich schon die Exceltabelle erstellt, jetzt muss ich sie nur noch ausfüllen. Ich habe sie extra lila gemacht, um mich selber ein bisschen zu erfreuen. Ich bin also in einer ein bisschen melancholischen Stimmung. Ich schwanke zwischen „Mit manchen Menschen hat mensch aus guten Gründen nichts mehr zu tun, und das ist alles viel besser so“ und „Dieser Mensch war ein ganz wundervoller Mensch und hat mir sehr geholfen, und ich habe viel gelernt, und immer noch sehr viele Gefühle für diesen Menschen, ich sollte mich vielleicht wieder melden“. Aber auch fürs Melden und eine erneute Kontaktaufnahme braucht mensch Zeit und Energie, die ich gerade nicht habe. Vor allem nicht in Hinblick darauf, dass besagte Person vielleicht gar keinen Kontakt will. Was ich mir sehr gut vorstellen könnte. Und vielleicht ist es ja doch ein sehr unvernünftiger Gedanke. Es war schon ein sehr ungutes Auseinandergehen.

Die letzte Woche war wieder vollgepackt. Ich erzähle auch immer das gleiche über meine Wochen. Dienstag habe ich ganz rebellisch beschlossen, nicht zu meinem Seminar zu gehen, sondern am Aktionstag gegen sexualisierte Belästigung, Diskriminierung und Gewalt teilzunehmen. Ich war nur bei dem Auftaktvortrag und der folgenden Plenumsdiskussion, aber das war schon sehr spannend. Es wurden ein paar Studien zu sexualisierter Gewalt an deutschen und europäischen Hochschulen vorgestellt. Bei der Diskussion waren dann drei Expert*innen anwesend, die erst ein paar Statements abgegeben, und dann Fragen aus dem Publikum diskutiert haben. Ein Experte hat argumentiert, dass bei Fällen von sexueller Belästigung nicht nur der Eindruck der belästigten Frau zählen könne. Da müsse auch die Intention des Mannes bedacht werden und ein*e objektive*r Beobachter*in müsste dazu kommen. Ein Dreieck quasi. Voll der Schwachsinn. Aber zum Glück haben auch andere Expert*innen widersprochen. Nur weil manche Teile der Bevölkerung sexuelle Belästigung nicht als solche wahrnehmen, heißt das ja noch lange nicht, dass es keine ist, oder dass das irgendwie debattierbar wäre. So weit kommts noch!

So, jetzt habe ich viel länger gebraucht als geplant und muss nun fix weitermachen mit Unikram.

Alles Liebe,

Anna

It’s always darkest before the dawn

TW: Depression, Psychische Gesundheit/Krankheit

Ich habe eine überlange To-Do-Liste, und weil ich keine Lust habe, mit den anderen Dingen anzufangen, blogge ich. Wenn nur alles so einfach wäre!

Diesmal gibt es keinen Tee, und eigentlich würde ich am liebsten in meinem Bett liegen und nicht wieder rauskommen. Ich kenne dieses Gefühl, das Gefühl, einfach nur liegen zu bleiben und nicht mehr aufzustehen. Nicht für einen Tag. Für immer. Sich nicht mehr zu bewegen, unter der Decke zu bleiben und den Rest der Welt zu ignorieren. Ich weiß auch ganz genau, was das für mich bedeutet: Depression. Ich komme in eine Starre, aus der ich nicht weiß, wie ich wieder herauskommen soll. Ich sitze vor meinem Computer oder meinen Artikeln, und ich sehe nichts mehr, sondern starre einfach nur noch. Die Welt gerät aus dem Fokus und alles ist unwichtig. Nur noch Starre. Bis ich merke, was ich tue, und daraus wieder hervorkomme. So fühlt es sich für mich an. Und es ist noch gar nicht schlimm. Ich merke es ja sogar. Dass ich abrutsche in Depression, dass ich die Kontrolle darüber verliere, was getan werden muss und was nicht so wichtig ist. Dass ich mich ständig zum Heulen fühle.

Ich bin der festen Überzeugung, dass Menschen wie ich, mit der Diagnose anfällig für Depressionen, davon nicht richtig wegkommen. Es war seit Jahren nicht so schlimm wie dieses Jahr, aber dieses Jahr ist es anstrengend. Ich habe Mechanismen: ich habe Menschen, die mich aus der Isolation holen, und eine WG, der es auffallen würde, wenn ich mein Zimmer nicht mehr verlassen würde. Ich HABE To-Do-Listen, weil ich sonst den Überblickt verliere, und die Geduld. Weil ich nämlich sonst in Panik verfalle, und dann wird der Wunsch, einfach die Welt die Welt sein zu lassen, unerträglich.

Abgesehen davon habe ich nur meinen gesunden Menschenverstand, und das Wissen, dass ich wichtiger bin für mich selbst als alle anderen. Dass der einzige Mensch, den ich diesen Winter retten muss, ich selbst bin. Dass ich vernünftig essen muss. Dass ich genug schlafen muss. Und dass es Dinge gibt, die ich nicht schaffen kann, und dass auch das okay ist.

Depression ist beängstigend, und ich kann das nicht wirklich teilen. Die leise Panik, dass es mir immer nur schlechter gehen wird in diesem Winter, ist schon da, und die Angst, dass Depression auch die Neurodermitis verschlimmert und ich mich noch schlimmer kratzen werde, die ist auch schon da. Wahrscheinlich ist diese Angst nicht mal unbegründet. Diese Woche war auch eine schlimme Hautwoche.

Ich gehe jetzt, und arbeite an meiner To-Do-Liste, damit ich nicht wieder anfange, nur den Bildschirm anzustarren. Und dann gehe ich heute Abend was essen mit D., und wenn ich Glück habe, schaffen wir es sogar ins Theater. Wenn nicht, dann habe ich morgen L., die mich mit auf den Markt nimmt, und dann war ich zumindest schon mal draußen.

Alles Liebe,
Anna

PS: Die Worte „müde“ und „fertig“ schaffen es nicht mal ansatzweise zu beschreiben, wie es mir geht, aber wie erkläre ich sonst, wie es mir geht, ohne gleich allen meine Krankheitsgeschichte zu erklären? Ist es überhaupt wichtig? Je schlimmer die Depression, desto weniger will ich eigentlich darüber reden, wie es mir geht. Vielleicht ist auch das eigentlich logisch.

Just keep following the heart lines on your hand

Die Zeit vergeht so schnell, sodass mittlerweile schon wieder Freitag ist. Ich weiß auch nicht, wie das immer passiert.Ich hab das Gefühl, ich mach überhaupt nichts bzw. hab gar keine Zeit für Dinge, und dann ist schon wieder ne Woche rum. Und wieder mal sitze ich bei Tee vor dem Computer. Diesmal aber nicht mit überschlagenen Beinen, weil meine Hausärztin gesagt hat, dass ich das nicht tun soll. Stattdessen soll ich meine Beine beim Sitzen ausstrecken und generell viel bewegen. Als ob ich nicht schon genug rumzappeln würde!

Ich habe diese Woche wieder angefangen, Nachrichten zu lesen, und es ist wirklich deprimierend. Ich kann auch nicht mehr über Palästina reden, weil ich mich konstant aufregen muss über all die uninformierten Kommentare von Kommiliton*innen, die eigentlich ganz klug sind. Aber manchmal dann vielleicht doch nicht. Ich glaube, ich finde das am schwersten: zu akzeptieren, dass Menschen, die ich mag und die ich klug finde, manchmal einfach die einfachsten Argumente nicht verstehen. Aber da ich das nicht ändern kann (oder vielleicht meine Argumente noch besser verpacken muss), muss ich lernen, langsam langsa, step by step, das zu akzeptieren.

Dafür gibt es auch eine schöne Nachricht, im Februar, am Ende des Semesters, fahre ich zu einem Konzert von Yasmine Hamdan. Ihr kennt Yasmine Hamdan nicht? Dann solltet Ihr sie schnell googeln, weil sie genialst geniale Musik macht und ich mich jetzt schon freue wie verrückt. Und eine andere gute Nachricht gibt es auch, ich habe nämlich jetzt endlich ein Zimmer in Weimar gebucht und da fahren D. und ich dann vor Weihnachten hin und machen schöne Dinge (inklusive Goethe, Schiller und Glühwein trinken) und ich kann ganz viele tolle Menschen wieder sehen. Wow, das klingt echt gut! Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr freue ich mich.

Abgesehen von den guten Dingen, war es eine schwierige Woche. Montag war vielleicht der schlimmste Tag seit langem und Familiendinge bedrücken mich ganz arg, aber ich habe auch liebe Menschen, die mir zuhören und alles ein bisschen auffangen. Um mich zu beruhigen und entspannen, habe ich am Sonntag ungefähr dreißig Gläser Marmelade gekocht und Muffins gebacken. Weil am Montag immer noch Pflaumen über waren, habe ich dann noch einen Crumble gemacht und die Pflaumen in Alkohol eingelegt, auf dass sie Likör werden. Ich bin arg gespannt, weil ich diesmal ein anderes Rezept ausprobiert habe als letztes Jahr und man weiß ja nie. Jetzt muss ich nur noch ein gutes Rezept für Haselnusslikör finden und dann kann es auch damit losgehen und zu Weihnachten kann ich dann alle Menschen betrunken machen. Muhaha!

Ich glaube, ich falle wieder ein bisschen zurück in meine frühere Art zu schreiben, aber das ist gut, weil es das Schreiben leichter macht. Und ich mag jeden Freitag schreiben. Das ist gut, so eine Art Wochenrückblick zu haben. Abgesehen davon kann ich vielleicht bald auch mal meine sehr spannenden und überaus wichtigen politischen Meinungen kund tun (haha).

Bis dahin, passt auf Euch auf!

To resist is to lay one’s life on the line so that the other may learn something (1)

Es ist mal wieder Freitag und ich sitze im Zug. Ich komme gerade von einer wissenschaftlichen Konferenz über Widerstand und bin ziemlich geflasht von den Eindrücken und Gedanken. Selbst wenn die Vorträge nicht gut waren, haben die meisten der Vortragenden doch kluge Dinge gesagt, die mensch sich merken bzw. weiterdenken konnte. Ich bin auch immer noch ziemlich beeindruckt von der Eröffnungsrede von Spivak, von der ich leider nur ca. 70% verstanden habe. Aber es war mir eine ziemlich große Ehre, sie mal live zu sehen. Sie hat eine unglaubliche Präsenz und einen sympathischen Humor.

Während der Konferenz hab ich in der alten WG eines Kommilitonen übernachtet und mit besagtem Kommilitonen über Beziehungskonzepte gesprochen. Das war ein sehr gutes Gespräch, denn ich finds immer spannend, wenn ich mit anderen Menschen über meine Gedanken sprechen kann, und sie so auch nochmal aus einer neuen Perspektive betrachten. Ich glaube, meine idealen Beziehungsvorstellungen sind nach wie vor radikal für viele Menschen, inklusive D., weswegen ich momentan auch eine exklusive Partnerschaft führe.

Abgesehen von der Konferenz war die Woche mal wieder vollgestopft. So voll, dass ich diesmal nicht mal dazu gekommen bin, irgendwelche Nachrichten zu lesen. Ich hab also gerade überhaupt keine Ahnung, was in der Welt passiert. Dafür habe ich am Dienstag einen Vortrag zu illegalisierter Migration aus Mexiko in die USA gehört und am Mittwoch mit einer Kommilitonin ein narratives Interview geführt. Das natürlich nicht zum Spaß, sondern im Rahmen eines Seminars zu Biographieforschung. Bevor wir in Teams ernsthafte Interviews führen, sollten wir innerhalb unseres Teams aneinander üben. Das war eine ziemlich gute Idee, da ich zunächst zu der Erkenntnis gekommen bin, dass mensch seine Biographie sehr gut beeinflussen und zu einer gewissen Form von Selbstdarstellung nutzen kann.

Da ich im Zug sitze und von der Konferenz ziemlich müde bin (und außerdem gleich noch in die Sauna möchte), mache ich jetzt schon nach so kurzer Zeit Schluss. Am Handy schreiben macht tatsächlich nur bedingt Spaß.

(1) Spivak, Gayatri C. (2014): Resistance. Subjects, Representations, Contexts. Oldenburg.